Eine Reise durch die Welten des Wahrnehmens, der Gefühle und der Gedanken von Jan. Und von vielen Anderen. Mit Erlebnissen, Beobachtungen, wissenschaftlichen Erkentnissen und Selbstverständlichkeiten.
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Buddha 2026 – 4. In der Wirklichkeit leben: Denken und Wünschen

Auf dem Dam in Amsterdam steht auf der einen Seite ein Denkmal und auf der anderen Seite ein Palast. Das ist allgemein bekannt. Aber eigentlich weiß ich gar nicht, ob das auch jetzt noch so ist. Wenn das Denkmal und der Palast plötzlich verschwinden würden, würde es nicht lange dauern, bis ich das aus den Nachrichten oder von anderen erfahren würde. Bis dahin werde ich jedoch davon ausgehen, dass die Wirklichkeit darin besteht, dass diese beiden Bauwerke dort stehen. Das ist dann eine Vorstellung in meinem Kopf, beruhend auf Eindrücken aus der Vergangenheit. Aber ich kann nicht behaupten, dass dies auch jetzt die Wirklichkeit ist.
Wir möchten eine Vorstellung von der Welt um uns herum haben, ein Bild von unserer „relevanten Umgebung“ – auch von Dingen, die wir überhaupt nicht wahrnehmen können. Vieles davon wird sicherlich stimmen. Aber etwas wahrzunehmen, das jetzt tatsächlich da ist, und von etwas auszugehen, sind zwei völlig verschiedene Dinge.
Denken
Im vorherigen Blog habe ich Beispiele für unmittelbare Reaktionen auf das gegeben, was wir wahrnehmen. Diese schnelle Reaktion auf alles, was uns begegnet, finden wir auch beim Denken.
Beim Denken bauen wir unter anderem auf Erfahrungen aus der Vergangenheit auf. Dabei vergessen wir jedoch, dass unser Gedächtnis nicht zuverlässig ist. Ermittler und Richter werden sehr häufig mit widersprüchlichen Aussagen konfrontiert, zum Beispiel von Zeugen einer Schießerei, bei der ein Zeuge sagt, er habe einen Schuss gehört, während andere von drei Schüssen berichten.
Außerdem übernehmen wir allerlei Dinge aus der Wissenschaft. Dabei vergessen wir oft, dass es sich vielfach um Theorien handelt, denen eine bestimmte Wahrscheinlichkeit zugeschrieben wird, die weniger als 100 Prozent beträgt. Ein Satellit, der etwas weiter flog als seine Vorgänger, sorgte im vergangenen Jahr bestimmt einmal im Monat für den Ausruf: „Jetzt müssen wir unsere Hausaufgaben über die Entstehung des Universums oder über Phänomen X wieder ganz von vorne beginnen!“
Das Bild, das wir von der Welt haben, ist nicht die Wirklichkeit. Es ist eine Vorstellung, die auf Erfahrungen aus der Vergangenheit, auf Bildern und Vorstellungen anderer Menschen und auf unserem Denken beruht – und dieses Denken ist keineswegs fehlerfrei.
Wir und die anderen
Unser Denken ist sehr häufig damit beschäftigt, Dinge zu kategorisieren. Alle Gegenstände, die speziell zum Sitzen hergestellt werden, nennen wir „Stuhl“. Das ist ein Etikett und macht die Kommunikation einfacher. Wir wissen alle, was mit „Stuhl“ gemeint ist.
Aber wir kleben auch Etiketten auf Gruppen: Millennials, Bauern, Männer, Asylsuchende, Demokraten, Fans eines bestimmten Fußballvereins usw. Mit jedem Etikett verbinden wir eine allgemeine Eigenschaft, die wir den Mitgliedern dieser Gruppe zuschreiben.
Einmal nahm ich in Deutschland an einem Meditationskurs teil, an dem viele Deutsche beteiligt waren. Nach einer Stunde hatte sich mein Bild von Deutschen radikal verändert. Ich sah nur noch ausgesprochen freundliche, herzliche und verständnisvolle Deutsche, die überhaupt nicht so schroff und laut waren, wie es mir immer vermittelt worden war. Ich glaube, dass ich sofort wieder ein neues Etikett aufgeklebt hatte – zumindest eine andere Beschreibung ihrer Eigenschaften. Und das war bereits geschehen, bevor klar wurde, dass eine der deutschen Teilnehmerinnen meine Lebenspartnerin werden würde. Natürlich war auch diese neue Vorstellung nicht richtig. Denn die Vorstellung, dass alle einzelnen Deutschen freundlich, herzlich und verständnisvoll sind, entspricht ebenso wenig der Wirklichkeit wie das Gegenteil.
Die einzige Wirklichkeit besteht darin, dass es Individuen gibt, die sich von anderen Individuen unterscheiden – auch wenn sie derselben Gruppe angehören. Dabei dürfen wir die Kraft von Gruppenprozessen nicht unterschätzen. In der Meditationsgruppe gehörten Sanftheit und Verständnis beispielsweise ebenfalls zum Gruppencode.
Schlussfolgerungen werden häufig zu schnell gezogen, statt zuerst zu fragen: „Wie meinen Sie das?“ oder das bewusste Denken ein zu schalten und zu fragen: „Ist das wirklich so?“ Und die beste Antwort lautet häufig: „Ich weiß es nicht.“ Aber das ist nicht die Antwort, die die Medien hören wollen. Sie passt auch nicht zu unserem Bedürfnis nach einem klaren Bild von allem, was uns umgibt. Und auch aus meinem eigenen Mund höre ich diesen Satz nicht besonders gerne.
Wunschvorstellungen statt Wirklichkeit
Wir alle haben Vorstellungen von Dingen, die wir gerne besitzen möchten – sowohl von materiellen als auch von immateriellen Dingen. Von dem, was wir noch nicht haben, machen wir uns ein Bild, und gute Dinge, die wir bereits besitzen, möchten wir nicht verlieren. Und wir glauben, glücklich zu werden, wenn diese Wünsche erfüllt werden.
Es gibt einige Gründe, warum das nicht funktionieren wird:
- „Hat man es erst, ist der Reiz vorbei“,sagen wir oft in Holland. Nach zwei Wochen mit dem neuen Audi ist der Fahrer längst wieder damit beschäftigt, über gestern nachzudenken und über das was er oder sie später tun wird. Und dann stellt sich vielleicht auch noch heraus, dass das Auto im Unterhalt teurer ist als erwartet.
- Es kann die Angst entstehen, das Erreichte wieder zu verlieren.
- Bis die Wunschvorstellung verwirklicht ist, gibt es bereits neue Wünsche, die die Aufmerksamkeit von dem gerade Erreichten schnell wieder abziehen.
Jede Lebensphase kennt unterschiedliche Vorstellungen von der Zukunft. Kinder sagen oft: „Wenn ich einmal groß bin …“ Danach kommen zunächst Feiern, ein Auslands- oder Zwischenjahr, das Studium abschließen, eine Karriere, eine Familie und schließlich der Weg in eine lange und gesunde letzte Lebensphase.
Der Gedanke, dass irgend etwas in der Zukunft uns glücklich machen wird, die Sorge, dies zu verwirklichen, und die Angst, das zu verlieren, was wir jetzt besitzen, stehen häufig dem Erleben – und damit auch dem Genießen – dessen im Weg, was jetzt da ist. Wir opfern unser gegenwärtiges Glück für etwas in der Zukunft und damit für eine Illusion.
Menschen, die sich mit diesem Zukunftsbild beschäftigen oder mit der Angst, das zu verlieren, was sie haben – ich würde beinahe sagen: Wer tut das nicht? –, sind in diesen Momenten gedanklich nicht bei dem, was sie gerade tun.
Es wurde untersucht, dass Menschen weniger glücklich sind, wenn ihre Gedanken nicht bei dem sind, was sie gerade tun, als wenn ihre Aufmerksamkeit tatsächlich auf diesen Moment gerichtet ist.
Und die Wirklichkeit befindet sich sowieso nicht in unserem Kopf.
Mit dieser Feststellung schließe ich zwei Blogs über die erste Aufgabe ab, die sich aus der Lehre Buddhas ergibt: „In der Wirklichkeit leben.“
In den nächsten vier Blogs geht es um die anderen Aufgaben:
- Sei dir bewusst, dass alles vergänglich ist.
- Halte nicht fest.
- Lebe mit Mitgefühl.
- Beherrsche deinen Geist.
Ich möchte jetzt schon darauf hinweisen, dass die letzte Aufgabe eigentlich die erste ist, die man in die Praxis umsetzen muss. Denn ohne Kontrolle über den Geist lassen sich die anderen vier Aufgaben nicht verwirklichen.
FOTO
Dam mit Palast und Denkmal: Standbild einer Webcam
SkylineWebcams
Buddha 2026 – 3. In der Wirklichkeit leben: Wahrnehmen

DARÜBER, WAS IST
Bei der Beschreibung der fünf Aufgaben Buddhas geht es nicht um eine Theorie, eine Erfindung oder um etwas, das außerhalb von uns liegt. Es geht um jeden einzelnen Leser und Leserin, und um mich selbst. Es geht darum, wie die Tatsachen des Lebens sind.
Die erste Aufgabe Buddhas lautet: in der Wirklichkeit leben.
Und die Wirklichkeit ist das, was für ein Individuum „wirklich“ existiert. Dabei geht es nicht um
· das, was Sie denken, dass es gibt,
· das, was Sie gehört haben, dass es gibt,
· das, was in wissenschaftliche Publikationen geschrieben ist,
. das, was in den Nachrichten steht,
· das, was bereits gewesen ist – denn es ist nicht mehr da –,
· oder das, was in der Zukunft liegt – denn es ist noch nicht da und über die Zukunft besteht keinerlei Gewissheit.
Die einzige Wirklichkeit für Sie und für mich ist nach der buddhistischen Lehre das, was jetzt ist. Für Sie ist das, was Sie in diesem Moment mit Ihren Sinnen wahrnehmen können, und für mich ist es das, was ich jetzt mit meinen Sinnen wahrnehmen kann.
Wenn ich die obige Liste betrachte, komme ich zu dem Schluss, dass wir in unserem Kopf mehr Dinge haben, die nicht wirklich sind, als Dinge, die tatsächlich der Wirklichkeit entsprechen.
Und wenn wir diese Wirklichkeit erfahren wollen, werden wir feststellen, dass wir sie nur selten in ihrer reinen Form sehen. Wir können nämlich nur schwer unterscheiden zwischen den reinen wahrgenommenen Signalen – dem Geräusch, dem Bild, dem Geruch usw. – und den Assoziationen, die wir unmittelbar damit verbinden.
Unser Bewusstsein versorgt uns sofort mit „bedeutungsvollen“ Informationen.
Luftalarm
In den Niederlanden ertönen seit mehr als siebzig Jahren am ersten Montag jedes Monats um 12 Uhr im ganzen Land die Sirenen.
Die tatsächliche Wahrnehmung, die „nackte Wahrnehmung“, wie Buddhisten sagen, besteht aus einem Geräusch mit einer bestimmten Klangfarbe sowie wechselnder Tonhöhe und Lautstärke.
Wir in den Niederlanden lebenden Menschen sagen dann: „Ach, es ist wieder der Erste des Monats. Schon wieder ist ein Monat vergangen. Wie schnell die Zeit vergeht!“
Touristen, die dieses Signal hören, fragen sich vielleicht, was los ist. Sie sind unsicher und wissen nicht, ob sie etwas tun müssen. Menschen, die gerade aus der Ukraine, Dubai oder dem Iran gekommen sind, empfinden möglicherweise sofort Gefahr: Wo ist der nächste Luftschutzbunker? Fliegen vielleicht Drohnen über unseren Köpfen?
Wir alle geben dem Wahrgenommenen – ausgehend von unserer individuellen Situation und unseren Erfahrungen – sehr schnell eine Interpretation. Sofort setzt ein mentaler Strom ein, und die Nacktheit der Wahrnehmung wird unmittelbar mit zusätzlichen Bedeutungen überlagert.
Die Amygdala
In der heutigen Wissenschaft wird der Amygdala – dem Mandelkern im Gehirn – eine wichtige Rolle bei diesem Wahrnehmungsprozess zugeschrieben. Sie verfügt gewissermaßen über eine Liste von Situationen, die unmittelbare Reaktionen erfordern. Und sie ist schnell.
Noch bevor wir ein Signal bewusst wahrgenommen haben, ist bereits entschieden, ob etwas Besonderes damit geschehen muss. Die Amygdala kann beispielsweise unmittelbar eine „Fluchtreaktion“ auslösen. Sie ist an der sogenannten Fight-or-Flight-or-Freeze-Reaktion beteiligt. Der Körper wird dadurch auf eine Handlung vorbereitet.
Der Körper reagiert also nicht auf die nackte Wahrnehmung, sondern auf die Bedeutung, die unser Gehirn ihr gibt.
Ich bin einmal in folgende Situation geraten: Ich fuhr auf der rechten Spur der Autobahn hinter einem Lieferwagen. Dieser wechselte zum Überholen die Spur und plötzlich sah ich in einem Sekundenbruchteil:

die Vorderseite eines Lastwagens!
Das löste eine kurze Schreckreaktion aus: „Ein Auto kommt auf mich zu!“, schoss es mir durch den Kopf.
Doch es stellte sich heraus, dass es sich um einen Lastwagen handelte, der auf dem Anhänger eines anderen Lastwagens transportiert wurde – mit der Front zu mir gerichtet.
Die Amygdala hatte reagiert, bevor die Information in meinem Gehirn angekommen war, dass der Lastwagen sich mit derselben Geschwindigkeit wie ich bewegte. Ich war sofort alarmiert und auf eine Handlung vorbereitet.
Doch bevor ich bremsen oder ausweichen konnte, stellte ich fest, dass dies gar nicht nötig war.
Überleben
Wir bekommen die Sinnessignale also fast nie unverfälscht zu sehen. Und tatsächlich sehen wir nur sehr wenig. Unsere Augen springen ständig zwischen verschiedenen Punkten hin und her – der Augenmuskel ist der schnellste Muskel, den wir haben! –, und den Rest ergänzen wir.
Aus einer sehr begrenzten Menge an Informationen erzeugen wir das, was in der Wissenschaft eine „educated best guess“, also eine am besten begründete Vermutung, nennen.¹
Dadurch leben wir eigentlich in einer Art „virtueller Realität“. Das hat sich evolutionär so entwickelt, weil es sich für unser Überleben als vorteilhaft erwiesen hat.
Wenn Sie im Dschungel all die Blumen, Insekten, Sträucher und Vögel im Blätterdach betrachten, können Sie leicht den Tiger übersehen.
Und wenn Sie ihn sehen, werden Sie vermutlich nicht erst betrachten, wie kräftig und schnell und zugleich geschmeidig dieses Lebewesen mit den senkrechten Streifen auf seinem Körper auf Sie zukommt und Ihnen sein noch vollständiges Gebiss zeigt. Denn dann könnte daraus eine echte „once-in-a-lifetime“-Erfahrung werden.
Aus evolutionärer Sicht sind wir auf zwei Fragen ausgerichtet:
„Besteht Gefahr?“ und „Gibt es etwas zu holen?“
Die Wahrnehmung der Realität als solcher steht erst an zweiter Stelle.
Es ist ähnlich wie beim Lesen: Wir achten normalerweise nicht auf die Form und Farbe der Buchstaben oder auf das Material, auf dem sie geschrieben stehen. Wir beschäftigen uns mit der Bedeutung der Zeichen, Wörter und Sätze.
Wissenschaftler sagen deshalb auch, dass der Mensch keine „Wahrheitsstrategie“, sondern eine „Nutzenstrategie“ besitzt: Wir setzen unsere Wahrnehmungsfähigkeit so geschickt wie möglich ein, um zu überleben – Gefahren vermeiden und bekommen, was wir brauchen, und möglichst noch etwas mehr.
Weil wir bei fast allem, was wir wahrnehmen, notwendigerweise sofort auch die Bedeutung mitgeliefert bekommen, befinden wir uns unmittelbar in der mentalen Welt. Diese besteht aus einer Mischung aus Erinnerungen, Konzepten, Vorurteilen, Vorhersagen, Vergleichen und Emotionen. Gerade in der modernen Zeit ist es eine Seltenheit, innezuhalten und die reine Wirklichkeit so wahrzunehmen, wie sie ist.
In Teil 8 dieser Serie, „Den Geist beherrschen“, werde ich auf die Möglichkeiten eingehen, wie wir im Alltag diese Wirklichkeit dennoch etwas stärker erfahren können.
1. Falsche Schlussfolgerungen
Missverständnisse
Aus dem, was wir wahrnehmen, können wir falsche Schlussfolgerungen über die Art und Bedeutung dessen ziehen, was wir sehen, hören usw. Was jemand wörtlich sagt, ergänzen wir fast automatisch durch das, was wir glauben, dass damit gemeint ist. Oft fehlt die Zeit oder auch die Bereitschaft, die Frage zu stellen: „Was möchtest du damit sagen?“
Es gibt viel Leid auf der Welt, weil wir andere nicht richtig verstehen und selbst nicht immer verstanden werden. Wenn jemand etwas zu uns sagt, können wir das als sachliche Mitteilung oder Frage auffassen, aber auch als eine Aufforderung an uns, als eine Form der Selbstoffenbarung oder als eine Äußerung, die etwas über unsere Beziehung aussagt. („Steht die Mülltonne schon draußen?“) Oder es kommt zu einem Missverständnis über eine Geste.

Einmal ging ich mit einem Freund durch den Wald und wir joggten. Er lief ein paar Meter hinter mir. Vor mir sah ich einen Baumstamm quer über dem Weg liegen. Ich hob meinen Arm, um ihm zu signalisieren, dass dort ein Hindernis lag und er darüber springen sollte. Er aber schaute nach oben – genau dorthin, wohin meine Hand zeigte.
Nicht vollständig bei Bewusstsein
Das Gehirn reagiert auf die Signale, die bei ihm ankommen. Dabei kann es zu einer Verzerrung der Realität kommen. So hörte ich einmal im Halbschlaf einen Vogel ein wunderschönes Morgenlied zwitschern.

Doch wenig später musste ich feststellen, dass es mein eigenes Schnarchen gewesen war. Das Interpretationssystem in meinem Kopf war noch nicht eingeschaltet. Wenn man noch im Halbschlaf und nicht vollständig bei Bewusstsein ist, befindet man sich gewissermaßen nicht in der Realität.
Fehlerhafte Informationsverarbeitung

Einmal war ich sicher, eine wunderschöne Mondfinsternis zu sehen, und wollte schon alle anrufen, um ihnen mitzuteilen, dass aus dem Vollmond ein wunderschönes Stück herausgebissen worden war.
Doch dann stellte sich heraus, dass ich beim Augenarzt ein zu helles Licht auf einen kleinen Bereich meiner Netzhaut bekommen hatte. Was mein Auge erreichte, war vollständig rund. Doch bei der Informationsverarbeitung zwischen der Hornhaut und der Weiterleitung der Information an das Bewusstsein ging ein kleines Stück verloren. Dadurch gab ich dieser Wahrnehmung eine andere Bedeutung.
Diese Beispiele zeigen ebenfalls, dass die Frage „Ist das so?“ durchaus öfter hilfreich sein kann.
FOTOS
Luftalarm: Pixabay
Umgekehrter Lastwagen: iStock
Baumstamm auf Waldweg: ChatGPT
Singvogel: Pixabay, charlvera-bird-7752672
Mondfinsternis: Foto und Bearbeitung Jan
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Buddha 2026 – 2. Buddhas Lehre

VIER WAHRHEITEN UND EIN ACHTFACHER PFAD
Was Buddha genau über die Funktionsweise des Geistes gesagt hat, lässt sich nicht mehr feststellen. Häufig wird angenommen, dass er um 480 v. Chr. am Fuß des Himalaya geboren wurde. Seine Lehren wurden jedoch erst viele Jahre nach seinem Tod schriftlich festgehalten – und zwar nicht in der Sprache seiner Heimatregion. Die ältesten Texte wurden mehr als 300 Jahre später und rund 3000 Kilometer von seiner Geburtsregion entfernt von seinen Anhängern auf Sri Lanka in deren Sprache, Pali, niedergeschrieben. Noch später entstanden die ältesten Texte in chinesischer und tibetischer Sprache. Insgesamt handelt es sich um Zehntausende von Seiten, die aus vielen verschiedenen Überlieferungen stammen und sich deshalb teilweise erheblich voneinander unterscheiden.
Doch zwei wichtige Bestandteile finden sich fast überall: die vier edlen Wahrheiten und der achtfache Pfad.
Die vier edlen Wahrheiten
1. Der Mensch leidet.
2. Die Ursache dafür sind Verlangen und Anhaftung.
3. Das Leiden endet, wenn diese Ursache beseitigt wird.
4. Um dies zu erreichen, muss der achtfache Pfad beschritten werden.
Wir leiden, weil wir
– die wahre Natur der Dinge nicht erkennen,
– uns nicht bewusst machen, dass alles vergänglich ist,
– an Dingen und Vorstellungen anhaften.
Das Wort „Leiden“ verwenden wir normalerweise in einer eher begrenzten Bedeutung – obwohl jeder die Redewendung kennt: „Der Mensch leidet am meisten unter dem Leiden, das er fürchtet.“ Hier geht es jedoch um die gesamte Bandbreite von Emotionen wie Trauer, Angst, Eifersucht, Wut, Enttäuschung usw.
Das Leiden entsteht dadurch, dass die Realität nicht mit unseren Wunschvorstellungen übereinstimmt. Wir machen uns ein Bild davon, was uns glücklich machen könnte, und glauben, unser Lebensglück darin zu finden, dieses Bild zu verwirklichen. Heute wird eine solche Wunschvorstellung häufig als der Traum bezeichnet, den jeder verwirklichen soll: zum Beispiel ein eigenes Haus in bester Lage, Erfolg im Beruf und in der Liebe, Weltmeister oder Weltmeisterin zu werden und gesund sehr alt zu werden.
Der Mensch besitzt eine fantastische Vorstellungskraft, die für vieles ausgesprochen nützlich ist. Das Problem besteht jedoch darin, dass diese Vorstellungskraft – wie der niederländische Buddhismuskenner Han de Wit sagt – dazu verwendet wird, „egozentrische Vorstellungen von der Wirklichkeit zu erzeugen“. Und diese stimmen dann nicht mit der Wirklichkeit überein. „Der Zusammenstoß mit der Realität führt zu existenziellem Unbehagen.“ Eine unerwartete Kündigung oder ein Unfall des besten Freundes passen nicht in das Bild – also in die Vorstellung –, das man unmittelbar zuvor noch von seinem Leben hatte.
Der achtfache Pfad
Dieses Unbehagen, dieses Leiden und die daraus entstehende Abfolge von Emotionen können der Lehre zufolge durch das Beschreiten des achtfachen Pfades beendet werden.
Dabei geht es um drei Bereiche:
– Verhalten: (1) richtiges Sprechen, (2) richtiges Handeln und (3) den richtigen Lebensunterhalt verdienen – mit Respekt vor dem Leben, Wahrhaftigkeit und Mitgefühl gegenüber den Mitmenschen als Grundlage.
– Weisheit: (4) Verständnis der Lehre und (5) Gedanken und Absichten, die mit dieser Lehre übereinstimmen.
– Geist: (6) sich ausrichten und sich bemühen, das Gute zu tun, (7) Bewusstsein für Körper, Gefühle und Gedanken und (8) Konzentration auf Selbsterkenntnis und Reflexion über das Erlebte und Gelernte.
Buddhas „Aufgaben“
Der italienische Psychologe und Philosoph Giulio Cesare Giacobbe hat den achtfachen Pfad in fünf Hinweise bzw. „Aufgaben“ übersetzt, durch deren Befolgung wir nach Buddha vom Leiden befreit werden können:
1. Lebe in der Wirklichkeit.
2. Sei dir bewusst, dass alles vergänglich ist.
3. Halte nicht fest.
4. Lebe mit Mitgefühl.
5. Beherrsche deinen Geist.
Und was ist das Ergebnis? Nach buddhistischen Texten gelangt man ins Nirwana, wenn man diesem achtfachen Pfad folgt. Dann gibt es in diesem Leben kein Leiden mehr.
Nirwana und Wiedergeburt
Zur Zeit Buddhas entstanden Vorstellungen von Karma und Wiedergeburt in späteren Leben. In schriftlichen Texten, die etwa zwei Jahrhunderte nach seinem Tod entstanden, finden sich diese Vorstellungen wieder. Hinzu kommt dort die Vorstellung, dass mit dem Erreichen des Nirwana der Kreislauf der Wiedergeburten beendet ist und der Aufenthalt im Nirwana ewig andauert.
Buddha soll selbst mehr als 500 Geschichten über seine früheren Leben erzählt haben. Es ist jedoch die Frage, ob er diese Vorstellung tatsächlich selbst vertreten hat. Es wird durchaus für möglich gehalten, dass diese Texte unter dem Einfluss sich verändernder Vorstellungen vom Leben nach dem Tod entstanden sind. Es gibt nämlich auch einen Text, in dem Buddha sagt: „Vorstellungen über ein Weiterleben nach dem Tod bringen keinen Frieden, keine Erkenntnis und keine Weisheit, die zur Erleuchtung führen. Auf solche Vorstellungen gehe ich nicht ein.“In dieser Serie möchte ich mich deshalb auf das beschränken, was während des Lebens eines Menschen hier auf der Erde geschieht. Dabei werde ich von jemandem wie dem vietnamesischen Buddhisten Thich Nhat Hanh unterstützt, der sagt „Ganz einfach: Nirwana bedeutet, von falschen Vorstellungen und von dem Schmerz befreit zu sein, den diese Vorstellungen verursachen. Das Nirwana ist hier und jetzt.“
Die Lehre Buddhas bezieht sich im Kern auf die Funktionsweise des menschlichen Geistes. Buddha zeigt, wie der einzelne Mensch von Leiden, „existentiellem Unbehagen“ und Emotionen wie Angst, Trauer, Eifersucht usw. befreit werden kann. Seine Hinweise lassen sich in fünf „Aufgaben“ übersetzen. Diese werde ich in den folgenden Beiträgen besprechen – auch anhand dessen, was die moderne Wissenschaft darüber sagt.
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- Foto: Buddo.org, Pali-Texte
- Eine Übersicht der verwendeten Literatur werde ich dem letzten Blog dieser Serie hinzufügen.
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Buddha 2026 – 1. Prolog

BUDDHISTISCHE LEHRE UND ERKENNTNISSE DES 21. JAHRHUNDERTS ÜBER DIE FUNKTIONSWEISE DES GEISTES
Dies ist der erste Blog einer neunteiligen Serie über die Funktionsweise des Geistes – ausgehend von den psychologischen Erkenntnissen Buddhas und den Erkenntnissen unserer Zeit. In dieser Reihe beschreibe ich, welche Einsichten Buddha vor 2500 Jahren in die Welt gebracht hat. Dabei steht vor allem die Frage im Mittelpunkt, ob diese Einsichten uns auch heute noch im Alltag helfen können, wenn wir sie mit dem vergleichen, was die heutige Wissenschaft darüber sagt und was wir selbst Tag für Tag erleben.
Wir kennen den Buddhismus von lächelnden Mönchen, vom Singen von Mantras, von strengen Zen-Meistern und vor allem von den Buddha-Statuen …
Diese Buddha-Statuen haben die Gartenzwerge aus Gartencentern und Gärten verdrängt und stehen inzwischen auch auf Fensterbänken, wo sie häufig an die Stelle von Geranien getreten sind. Im Fernsehen und auf Reisen, auf denen wir die Kultur ferner Regionen kennenlernen möchten, stoßen wir auf Tempel mit goldenen Buddha-Statuen, Gongs und Glocken, in denen eindrucksvolle, aber für uns unverständliche Zeremonien von prächtig gekleideten Mönchen durchgeführt werden.
… aber all diese Bilder müssen wir in dieser Serie vergessen.
Seit der ersten Folge meiner „Berichte aus den Welten von Jan und Hinz und Kunz“ bin ich auf der Suche nach der Frage, wie das eigentlich funktioniert: wie wir die Welt erleben, wie wir auf alles außerhalb von uns reagieren und wie dies davon bestimmt wird, was und wie wir wahrnehmen, welche Emotionen dadurch ausgelöst werden und wie unser Denken funktioniert: die Welten des Wahrnehmens, Fühlens und Denkens.
Gautama Siddhartha, der spätere Buddha, stellte sich dieselbe Frage, als er mit dem Leid konfrontiert wurde, das er in der Welt vorfand, und zu der Erkenntnis kam: Alles ist Leiden. In seiner Jugend war er nie außerhalb seines geschützten Lebens gewesen und hatte ein sorgenfreies Leben in Luxus geführt. Irgendwann hatte er davon genug und ging hinaus. Was er dort vorfand, erschreckte ihn zutiefst: Krankheit, Tod, Mangel und überall Menschen, die mit ihrem Leben unzufrieden und unglücklich waren.
Es folgte eine Zeit, in der er versuchte, inneren Frieden zu finden. Jahrelang tat er dies, indem er als Bettler, als Yoga-Praktizierender und als sich selbst aushungernder Waldasket lebte. Er ging also von einem Extrem – dem großen Luxus – in das andere. Doch ohne Erfolg.
Schließlich beschloss er, sich unter einen Baum zu setzen. Er nahm sich vor, erst wieder aufzustehen, wenn er die Ursache des Leidens gefunden und auch herausgefunden hätte, wie der Mensch von diesem Leiden befreit werden könne. Er fand diese Befreiung in sich selbst und sollte später auch anderen den Weg dorthin zeigen.
In der nächsten Folge beschreibe ich seine Erkenntnisse. In den darauffolgenden Folgen werden diese näher erläutert und mit unseren Alltagserfahrungen und den wissenschaftlichen Erkenntnissen des 21. Jahrhunderts – 2500 Jahre später – verglichen.
Auf diese Weise können wir sehen, ob und, wenn ja, welche Bedeutung diese alte Lehre für uns haben kann.

Vielleicht symbolisiert diese kleine Buddha-Figur diesen Ansatz. Sie steht bei uns auf der Toilette und erinnert uns an den Wert der Stille. Gleichzeitig trägt sie eine Papiermütze, die benutzt werden kann, wenn plötzlich das Toilettenpapier ausgegangen ist. Außerdem bewahren wir dort ein Stück Seife als Reserve auf.
Diese erste Folge möchte ich mit einer Geschichte abschließen, die über Hakuin erzählt wird. Er lebte von 1686 bis 1769 in Japan und gilt als einer der bedeutendsten Zen-Lehrer Japans.
„Ist das so?“
Der Zen-Meister Hakuin wurde von seinen Nachbarn dafür gelobt, dass er ein reines und untadeliges Leben führte.
Neben ihm wohnte ein hübsches junges Mädchen, dessen Eltern einen kleinen Lebensmittelladen betrieben. Plötzlich stellten die Eltern fest, dass ihre Tochter schwanger war.
Sie wurden sehr zornig. Das Mädchen wollte nicht sagen, wer der Mann war, der sie geschwängert hatte. Als das Kind geboren war, nannte sie schließlich den Nachbarn, den Zen-Meister Hakuin, als Vater. Wütend gingen die Eltern zu dem Meister und brachten ihm das Kind. Das Einzige, was er sagte, war: „Ist das so? Bin ich der Vater?“
Hakuin verlor durch diese Anschuldigung seinen guten Ruf. Doch das kümmerte ihn nicht. Er kümmerte sich liebevoll um das Kind, gab ihm Milch und alles andere, was es brauchte, und kaufte dies einfach bei seinen Nachbarn.
Nach einiger Zeit hielt die junge Mutter es jedoch nicht länger aus. Sie erzählte ihren Eltern die Wahrheit: Der wirkliche Vater des Kindes war ein junger Mann, der auf dem Fischmarkt arbeitete. Sofort gingen die Eltern des Mädchens zu Hakuin. Sie baten ihn um Verzeihung, entschuldigten sich ausgiebig und baten darum, das Kind zurückzubekommen. Hakuin war bereit, es ihnen zu überlassen. Als er ihnen das Kind zurückgab, sagte er nur: „Ist das so? Bin ich nicht der Vater?“
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Abbildung Buddha mit Telefon: Pixabay, buddha-8521794_1920
Abbildung Hakuin: Pexels, teddy-7300470
Buddha auf der Toilette: Foto Jan
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Liebe Leserinnen und Leser,
In den nächsten Wochen gibt es neun Folgen einer neuen Serie über die Funktionsweise unseres Geistes.
Dabei geht es zum einen darum, was Siddhartha Gautama, der Buddha, vor etwa 2500 Jahren darüber gesagt hat. Zum anderen schauen wir uns an, was die moderne Wissenschaft heute über die Funktionsweise des Geistes herausgefunden hat. Mit Beispielen aus dem Alltag, die uns allen bekannt vorkommen dürften.
Der Titel der Serie: „Buddha 2026“. Oder anders gesagt: Was bedeuten die jahrtausendealten Aussagen Buddhas für unser Leben und unsere Realität heute?
Danach geht es wieder weiter mit den Blogs, in denen die Artikel übersetzt werden, die seit Mitte 2023 in den Niederlanden erschienen sind.
Und noch etwas: Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie mir hin und wieder mitteilen, was Sie von den Blogs halten. Dann weiß ich, ob ich mit den Themen und der Art, wie ich sie aufschreibe, auf dem richtigen Weg bin. Schon jetzt vielen Dank dafür!
Ich wünsche Ihnen viel Spaß mit der neuen Serie. Los geht’s am kommenden Sonntag!
30. Hoffnung

Vor etwa dreißig Jahren habe ich zum ersten Mal öffentlich gesagt: „Man sollte nicht hoffen. Hoffnung bedeutet, sich emotional an etwas Ungewisses in der Zukunft zu binden – und damit an eine mögliche Enttäuschung.“ Diesen Satz habe ich seitdem oft wiederholt.
Andererseits benutze ich das Wort *Hoffnung* selbst mehrmals am Tag: „Ich hoffe, dass es trocken bleibt“ oder „Ich hoffe, dass den Lesern dieser Blog gefällt.“ Offenbar stehe ich also selbst ein wenig auf Kriegsfuß mit dem Begriff Hoffnung. Höchste Zeit, ihn einmal genauer unter die Lupe zu nehmen.
Ein Blick in die Geschichte
Ein niederländisches Wörterbuch beschreibt Hoffnung als „die erwartungsvolle Zuversicht, dass etwas Gutes, das noch ungewiss ist und in der Zukunft liegt, Wirklichkeit wird“. Doch ist Hoffnung nun etwas Gutes – oder nicht?
Vor fast 2500 Jahren schrieb Sophokles das Drama *Ajax*. Darin bezeichnet der gleichnamige Held Hoffnung als eine unmännliche Tugend. Hoffnung könne nämlich dazu verleiten, vor einer schwierigen Situation in der Gegenwart davonzulaufen, weil man darauf vertraut, dass sie sich irgendwann von selbst lösen werde. Dadurch fehle der Mut, sofort zu handeln. Ein edler Mensch verliere so seine Würde. Ajax war überzeugt, dass er nach seiner schmählichen Niederlage eigentlich hätte Selbstmord begehen müssen.¹
Über Hoffnung ist unendlich viel geschrieben worden. Ich kenne sie vor allem als Teil der bekannten Trias *Glaube, Hoffnung und Liebe*, die ich früher oft in der Kirche gehört habe. In der römisch-katholischen Kirche gehört die Hoffnung sogar zu den sieben Tugenden. Sie richtet sich auf die Hoffnung, nach dem Tod das Himmelreich zu erreichen.
Auch viele Philosophen haben sich mit der Hoffnung beschäftigt. Berühmt ist der Satz von Friedrich Nietzsche, der Hoffnung als „das schlimmste aller Übel“ bezeichnete, „weil sie die Qual verlängert“. Ein Direktor des Rotterdamer Fußballvereins Feyenoord machte sich bei den Fans unbeliebt, als er denselben Gedanken in andere Worte fasste: „Hoffnung ist aufgeschobene Enttäuschung.“ Er meinte damit, dass man schon zu Beginn der Saison kaum noch ernsthaft mit einer Meisterschaft rechnen konnte.
Hoffnung in Liedern
Eines der bekanntesten Lieder über Hoffnung ist *Land of Hope and Glory*. Es entstand 1902, als das Britische Empire rund 25 Prozent der Landfläche der Erde beherrschte. In dem Lied bittet man Gott sogar darum, das Reich noch größer und mächtiger werden zu lassen: “Wider still, and wider shall thy bounds be set; God, who made thee mighty, make thee mightier yet!“*
Ruhm besaß das Empire bereits – und hoffte auf noch mehr. Etwa zwanzig Jahre später begann jedoch sein Niedergang. Heute gehören nur noch etwa 0,2 Prozent der Landfläche der Erde zu den britischen Überseegebieten. Und trotzdem singen die Briten dieses Lied bis heute voller Begeisterung (ab Minute 2:13 wird es besonders eindrucksvoll):
https://youtu.be/YECmfNz9CGU?si=2h6q_2KY-cQswgvx](https://youtu.be/YECmfNz9CGU?si=2h6q_2KY-cQswgvx
Etwa zwanzig Jahre zuvor entstand ein anderes berühmtes Hoffnungslied. Es brachte die Sehnsucht des über die ganze Welt verstreuten jüdischen Volkes zum Ausdruck: „die Hoffnung, ein freies Volk in unserem Land zu sein – im Land Zion und Jerusalem“. Der Titel lautet deshalb *HaTikva* – „Die Hoffnung“.
Doch Hoffnung begegnet uns in Tausenden weiterer Lieder, etwa *Wishing and Hoping* von Dusty Springfield, *High Hopes* von Pink Floyd oder *Gimme Hope Jo’anna* von Eddy Grant.
Hoffnung als Emotion
Über Hoffnung als Emotion habe ich erstaunlich wenig gefunden. In der wissenschaftlichen Literatur geht es viel häufiger um Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit und das Fehlen von Zukunftsperspektiven.
Dennoch sagt man oft: „Hoffnung gibt Kraft zum Leben.“
Ich habe bereits früher darüber geschrieben, dass der Mensch ständig bemüht ist, sein Leben sicherer und angenehmer zu machen. Dabei richten wir unseren Blick fast immer auf die Zukunft. Unser Überlebenswille, unsere Lebenskraft – die Kraft, die die Menschheit so weit gebracht hat – sorgt dafür, dass wir nach vorne schauen und handeln, obwohl wir nie genau wissen, was uns erwartet.
Meine Vermutung ist, dass diese grundsätzlich positive Ausrichtung, die tief in unseren Genen verankert ist und unseren Körper ständig handlungsbereit hält, in unserem Bewusstsein als ein mentales Bild erscheint, das wir *Hoffnung* nennen.
Vielleicht gilt für Hoffnung dasselbe wie für andere Emotionen: Zunächst handelt es sich um körperliche Reaktionen, die unser Bewusstsein anschließend als Gefühle – als „Bewegungen des Gemüts“ – erlebt.
Wenn das stimmt, dann wäre der Satz „Hoffnung gibt Kraft zum Leben“ eigentlich nicht ganz richtig. Treffender wäre vielleicht:
**Unsere Lebenskraft bringt die Hoffnung hervor.**
Offene Fragen
Trotzdem bleiben für mich noch einige Fragen offen.
Kann Hoffnung bewusst erzeugt oder gelenkt werden? Welche Rolle spielt dabei das spirituelle Konzept des Manifestierens? Sind Hoffnung und Angst vielleicht zwei Seiten derselben Medaille? Und macht es einen Unterschied, ob wir auf etwas hoffen, das von außen kommen soll, oder auf etwas, das wir selbst verwirklichen wollen?
Ich vermute, dass ich auf dieses Thema noch einmal zurückkommen werde.
Und dann hoffe ich, auf diese Fragen klarere Antworten geben zu können – obwohl ich befürchte, dass alles weniger schwarz-weiß ist, als man es sich wünschen würde.
Mit diesem Blog über die Hoffnung schließe ich die Reihe zum Thema Emotionen ab und lege eine Sommerpause ein. Nach dem Sommer kehre ich gerne mit einer neuen Reihe über das Denken und unsere Gedanken zurück.
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¹ Nach: *Explosive Modernity*, Eva Illouz, 2025.
Bild: Pexels – Engin Akyurt*
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29 Bitte lächeln!

ÜBER SPIEGELUNG UND EINFÜHLUNG
Ich liege in meiner Wiege, brabble zufrieden vor mich hin, mache kleine Geräusche, strample mit den Beinchen und stecke alles Mögliche in den Mund – zum Beispiel meine Händchen. Ab und zu erscheint ein Gesicht über mir. Wenn ich lache, lächelt die andere Person zurück. Schon sehr früh habe ich das bemerkt und begann, dieses Verhalten ebenfalls zu übernehmen
Damit hatte das große Nachahmen begonnen – die Fähigkeit, andere zu imitieren, die im Leben eine so wichtige Rolle spielt. Noch leichter fiel mir das, als ich mich selbst im Spiegel erkannte. Das gilt übrigens nicht nur für Menschen, sondern auch für Menschenaffen. Bereits im Alter von etwa zwei Jahren können Kinder sich im Spiegel wiedererkennen. Damit wird zugleich die Grundlage für die Unterscheidung zwischen dem eigenen Ich und dem Anderen gelegt.
Das spiegelnde Gehirn
In seinem faszinierenden Buch über Spiegelneuronen erzählt Marco Iacoboni, wie Forscher im italienischen Parma entdeckten, dass es so etwas wie Spiegelneuronen überhaupt gibt. Wie so oft in der Wissenschaft spielte auch hier der Zufall eine entscheidende Rolle.
Die Wissenschaftler untersuchten bei Affen, welche Hirnregionen bei bestimmten Tätigkeiten aktiv werden. So zeigte sich beispielsweise, dass bestimmte Nervenzellen deutlich aktiv wurden, wenn ein Affe nach Futter griff.
Eines Tages aß einer der Forscher sein Mittagessen in der Nähe eines Affen, der noch an die Messgeräte angeschlossen war. Der Affe selbst saß vollkommen still. Dennoch registrierten die Geräte eine starke Aktivität in genau jenem Hirnareal, das für die Greifbewegung zuständig ist.
Der Affe hatte lediglich beobachtet, wie der Forscher das Essen mit der Hand aufnahm. Sein Gehirn reagierte jedoch so, als würde er selbst nach dem Essen greifen. Daraus schlossen die Forscher, dass es Nervenzellen geben muss, die einerseits visuelle Eindrücke verarbeiten und gleichzeitig motorische Prozesse regeln: die Spiegelneuronen.
Oder anders gesagt: Essen sehen ist fast wie selbst essen – zumindest für das Gehirn.
Einfühlung durch Nachahmung
Es passiert mir gelegentlich, zum Beispiel wenn ich an einer Bar mit jemandem ins Gespräch vertieft bin, dass ich plötzlich bemerke, genau dieselbe Körperhaltung eingenommen zu haben wie mein Gegenüber.
Vielleicht haben Sie auch schon einmal erlebt, dass jemand, dem Sie eine traurige Geschichte erzählen, unwillkürlich ebenfalls einen traurigen Gesichtsausdruck bekommt. Das ist ein bekanntes Phänomen. Menschen spiegeln die Körperhaltung und Mimik des anderen – und gelangen dadurch in eine ähnliche Gefühlslage.
Schon Edgar Allan Poe wusste das. In seiner Erzählung *Der entwendete Brief* (*The Purloined Letter*, 1844) lässt er den Detektiv C. Auguste Dupin sagen:
> „Wenn ich herausfinden will, wie klug oder töricht, wie gut oder schlecht jemand ist, passe ich meinen Gesichtsausdruck so genau wie möglich dem seinen an. Dann warte ich ab, welche Gedanken und Gefühle sich in mir einstellen – und es ist, als würde ich mich mit dem anderen verbinden und auf seinen Ausdruck antworten.“
Emotionen übertragen
Manche Menschen wissen sehr genau, dass Emotionen auf andere übertragen werden können. Das gilt für Musiker und Cheerleader ebenso wie für Redner.
Volksverführer wie Hitler oder Mussolini hielten ihre Reden in einem äußerst emotionalen Tonfall. Zunächst erzeugten sie Angst, anschließend schürten sie Wut. So entstand jene emotionale Energie, mit der sich ganze Menschenmassen in Bewegung setzen ließen.
Übrigens werden auch heute noch in nahezu jedem Rhetorikkurs die drei Elemente einer guten Rede behandelt, die bereits auf die Antike zurückgehen: Glaubwürdigkeit des Redners (Ethos), eine logisch aufgebaute Argumentation (Logos) und das Ansprechen der Gefühle des Publikums (Pathos). Jeder erfolgreiche Politiker oder Manager macht davon – bewusst oder unbewusst – Gebrauch. Winston Churchill, Martin Luther King und Nelson Mandela werden häufig zu den größten Rednern der Geschichte gezählt.
Lachen über Home Videos
Manchmal bekomme ich sogenannte lustige Videos zugeschickt – ganz im Stil von *Pleiten, Pech und Pannen*. Doch oft kann ich darüber überhaupt nicht lachen.
Wenn jemand ins Wasser springt und sich herausstellt, dass es von einer dicken Eisschicht bedeckt ist,
oder wenn ein Heimwerker bei einer kleinen Dachreparatur mitsamt der Dachrinne in die Tiefe stürzt,
oder wenn der Fahrer eines nagelneuen Motorrads sein Fahrzeug schon bei der ersten Ausfahrt nicht beherrscht und abgeworfen wird wie von einem ungezähmten Pferd,
oder wenn sich herausstellt, dass der Ast, den jemand hoch oben im Baum absägt, genau der Ast ist, auf dem er selbst sitzt,
oder wenn ein Vater mit seiner kleinen Tochter auf dem Schlitten einen verschneiten Hang hinunterrast, immer schneller wird und schließlich den einzigen Baum auf der ganzen Piste nicht mehr vermeiden kann,
dann zieht sich bei mir alles im Unterleib zusammen. Sogar jetzt, während ich diese Zeilen schreibe.
Ein Signal
Die Emotion des einen wird vom anderen mitgefühlt. Durch das Spiegeln entsteht die Grundlage für Einfühlung – und damit für ein gutes Funktionieren sozialer Gruppen. Emotionen erfüllen also nicht nur für denjenigen eine wichtige Funktion, der etwas erlebt. Sie sind zugleich ein Signal für andere und besitzen damit auch eine soziale Funktion.
Den Menschen jedoch, die in den vermeintlich lustigen Home-Videos die Hauptrolle spielen, nützt es überhaupt nichts, dass Millionen Zuschauer ihre Missgeschicke sehen und daraus vielleicht etwas lernen. Wir können ihnen längst nicht mehr helfen. Mir jedenfalls bereiten solche Videos körperliches Unbehagen.
Deshalb habe ich beschlossen, sie mir nicht mehr anzusehen.
Nachtrag
Gestern habe ich – trotzdem – Bilder gesehen aus der Fernsehsendung Zu Lande, zu Wasser und in der Luft. Auch dort gab es zahlreiche Situationen, in denen sich Teilnehmer vermutlich ernsthaft verletzt haben. Die Kommentatoren waren sich einig, dass ein wesentlicher Erfolgsfaktor der Sendung das sogenannte *Schadenfreude*-Prinzip sei.
Ich vermute allerdings, dass viele Zuschauer – so wie ich – das Leid der Betroffenen zunächst durchaus körperlich mitempfinden, aber dass dieses Mitgefühl durch die Schadenfreude überlagert oder kompensiert wird. Nach wissenschaftlichen Untersuchungen entsteht Schadenfreude vor allem dann, wenn das Unglück des Betroffenen als „verdient“ empfunden wird oder wenn sich der Zuschauer im Vergleich zum Opfer besser fühlt. Hinzu kommt in einer solchen Fernsehsendung möglicherweise noch, dass die Teilnehmer sich freiwillig auf diese riskanten Situationen eingelassen haben.
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1)Marco Iacoboni: *Wo Spiegelneuronen sich spiegeln. Empathie, Imitation und die Evolution des Sozialverhaltens*.
Illustration: Johan Leo Koet
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28. Mea Culpa

ÜBER SCHAM, SCHULD UND REUE
Die letzten sechs Blogs handelten alle von Emotionen. Heute geht es um Gefühle, die die Menschheit schon seit sehr langer Zeit kennt. Scham und Schuld gab es laut der Bibel bereits bei den ersten Menschen. Nachdem Adam und Eva vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse gegessen hatten, bemerkten sie, dass sie nackt waren. Voll Scham und Schuldbewusstsein mussten sie das Paradies verlassen und hinterließen der aus ihrer Gemeinschaft hervorgegangenen Menschheit die Erbsünde – eine Schuld, die durch die Taufe zwar gemildert, aber laut der Bibel nicht vollständig ausgelöscht werden konnte.
Meine große Schuld
Ich war wohl etwa zehn Jahre alt, als wir in der Schule das sogenannte Reuegebet auswendig lernen mussten:
> Barmherziger Gott,
> es tut mir leid, dass ich gesündigt habe,
> weil ich Deine Strafen verdient habe;
> vor allem aber deshalb,
> weil ich Dich,
> meinen größten Wohltäter und das höchste Gut,
> beleidigt habe.
> Ich verabscheue alle meine Sünden
> und verspreche,
> mit Hilfe Deiner Gnade
> mein Leben zu bessern
> und nicht mehr zu sündigen.
> Herr, sei mir Sünder gnädig.
> Amen.
Dieses Gebet mussten wir lernen, bevor wir in der Römisch-Katholischen Kirche.zur Erstkommunion zugelassen wurden. Mit der Erstkommunion gehörte man wirklich dazu. Ein Kommunionkind sollte natürlich eine reine Seele haben, und dafür gab es die Beichte: Man konnte seine Sünden loswerden und mit einer weißen Weste neu anfangen.
Das war allerdings gar nicht so einfach. Als Acht- oder Zehnjähriger wusste ich oft gar nicht, was ich eigentlich falsch gemacht haben sollte. Soweit ich mich erinnere, habe ich damals einfach etwas erfunden, etwa: „Ich habe heimlich Zucker aus der Zuckerdose genascht.“
Ein paar Jahre später wurde ich mir meiner pubertären, tastenden Unkeuschheiten in Gedanken und Taten bewusst. Zu diesem Zeitpunkt waren regelmäßige Kirchenbesuche und Beichten jedoch bereits Vergangenheit. Trotzdem schließe ich nicht aus, dass einige Schuldgefühle aus jener Zeit hängen geblieben sind.
Schuldgefühle
Wenn ich nachts an einer verlassenen Kreuzung bei Rot über die Ampel fahre, weil weit und breit kein Verkehr zu sehen ist, und später aufgrund von Kameraaufnahmen doch einen Bußgeldbescheid erhalte, dann ist das natürlich meine eigene Schuld. Das muss aber keineswegs besondere Gefühle auslösen. Man könnte auch einfach sagen: selbst schuld, Pech gehabt.
Von Schuldgefühlen spricht man dann, wenn jemand etwas getan oder unterlassen hat, das anderen geschadet hat und zugleich den eigenen moralischen Maßstäben widerspricht. Man erkennt im Nachhinein, dass etwas nicht hätte geschehen sollen. Solche Gefühle können rasch wieder verschwinden – etwa wenn der Betroffene sagt, dass es nicht so schlimm war, oder wenn der Geschädigte der Sache keine Bedeutung mehr beimisst.
Der englische Philosoph Alan Watts ging sogar so weit zu sagen, dass sich niemand jemals schuldig fühlen sollte. Schuldgefühle seien letztlich nichts anderes als das Lecken der eigenen Ego-Wunden. Fehler zu machen gehöre zum Menschsein. Wer lernen wolle, mache zwangsläufig Fehler. Die Lösung bestehe darin, weiterzuüben und dieselben Fehler künftig seltener oder gar nicht mehr zu machen. Das klingt allerdings einfacher, als es ist.
Manche Menschen tragen Schuldgefühle ihr Leben lang mit sich herum. Besonders bekannt ist dies bei Menschen, die extreme Situationen überlebt haben, während viele andere starben – etwa Überlebende der Konzentrationslager des Zweiten Weltkriegs. Fur sie kann die Frage warum gerade sie überlebt haben und andere nicht, zur Quelle eines quälenden Schuldgefühls werden, das als „Survivor’s Guilt“ bezeichnet wird. Häufig ist es eines von mehreren Symptomen einer posttraumatischen Belastungsstörung.
Scham
Bei Scham geht es nicht in erster Linie um die Bewertung des eigenen Verhaltens nach den eigenen Maßstäben. Entscheidend ist vielmehr die Befürchtung, von anderen negativ beurteilt zu werden.
Wöchentlich, heute fast täglich, sieht man im Fernsehen Fußballspieler, die eine große Torchance vergeben haben oder denen der Ball durch die Beine rutscht. Sie schlagen die Hände vors Gesicht oder werfen sich zu Boden, als wollten sie darin versinken.
Ähnliches habe ich als Kind erlebt. In einem Chor sollte ich einmal ein kurzes Solo pfeifen. Doch zwischen meinen Lippen kam kein einziger Ton hervor. Zunächst schoss mir das Blut in den Kopf, dann offenbar in andere Körperregionen – und ich fiel in Ohnmacht. Genau das war, wenn auch unbewusst, der gewünschte Effekt: Ich konnte buchstäblich im Boden versinken.
Auch heute gibt es – nicht zuletzt in den sozialen Medien – eine kaum überschaubare Anzahl sozialer Regeln und Erwartungen. Die Angst, etwas falsch zu machen, ist groß. Wer einen Fehler begeht, riskiert soziale Ausgrenzung. Indem man rot wird oder sich die Hände vors Gesicht schlägt, signalisiert man: „Ich habe verstanden, dass ich einen Fehler gemacht habe.“ Das kann soziale Vorteile bringen.
In den sozialen Medien fehlt diese Form der Kommunikation weitgehend. Dort sieht niemand, wie man errötet oder verlegen zu Boden blickt. Wahrscheinlich möchte man gerade verhindern, dass andere solche Reaktionen sehen. Ich finde das eine Beispiel von der Verarmung in der digitalen Welt.
Reue
Man kann seine Sünden bereuen, weil man göttliche Strafen fürchtet.
Man kann aber auch bereuen, dass man im Jahr 2010 – nur zum Spaß – 100 Bitcoins für 30 Euro gekauft und sie ein Jahr später mit einem Gewinn von 1.000 Prozent für 330 Euro wieder verkauft hat, obwohl sie am 24. Juni 2026 rund 5,7 Millionen Euro wert gewesen wären.
Reue begleitet all jene Situationen, in denen man rückblickend denkt: Hätte ich doch statt A lieber B getan. Oder umgekehrt etwas unterlassen.
Der Fall Tom Waes
Der belgische Fernsehmoderator und Schauspieler Tom Waes, den ich einige Male in seinen unterhaltsamen, wenn auch etwas altmodischen und oberflächlichen Reisedokumentationen gesehen habe, stieg nach einigen Getränken in seinen Porsche. Auf dem Antwerpener Ring, auf dem man ohnehin oft im Stau steht, kam auch er zum Stillstand – allerdings auf eine Weise, die seinen Porsche zum Totalschaden machte und ihn selbst auf die Intensivstation brachte.
Bereits am nächsten Tag erklärte er, dass er Alkohol getrunken und sich anschließend ans Steuer gesetzt habe:
„Unbegreiflich. Das hätte ich niemals tun dürfen. Es ist ein großer Fehler, und ich fühle mich schrecklich deswegen. Ich möchte mich bei allen entschuldigen. Es tut mir unendlich leid.“
Dass es ihm leidtut, steht außer Frage. Sein schöner Porsche war zerstört, sein Ruf beschädigt, und außerdem hatte er die Vorbildfunktion verletzt, die sein Arbeitgeber von ihm erwartete.
Ach ja – bei dem Unfall wurde auch ein Straßenarbeiter verletzt. Darüber hörte ich ihn allerdings kaum sprechen.
Und war sein Verhalten wirklich „unbegreiflich“? War er bis dahin tatsächlich niemals alkoholisiert Auto gefahren?
Scham wird er sicherlich empfunden haben. Ob jedoch echtes Schuldbewusstsein vorhanden war, lässt sich von außen nicht erkennen.
Genau das macht Gerichtsverfahren für mich so schwierig. Richter können bei der Strafzumessung berücksichtigen, ob jemand Reue zeigt oder Schuld empfindet. Da frage ich mich manchmal, ob Menschen, die besonders gut schauspielern können, nicht im Vorteil sind.
Tom Waes ist schließlich auch Schauspieler.
Vielleicht hilft ihm das.
Zu Unrecht.
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1. Alan Watts über Schuldgefühle: [https://youtu.be/mATo7zh3KYY](https://youtu.be/mATo7zh3KYY)
Foto: pexels-mart-production-7219828
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27. Eine Säge lieben

ÜBER UNSERE BEZIEHUNG ZU DEN DINGEN
Besitz ist ein wichtiges Thema im Leben. Etwas zu besitzen bedeutet nicht nur, es zu haben, sondern auch eine Beziehung dazu zu entwickeln. In diesem Blog beschreibe ich verschiedene Gebiete wo wir uns zu Dingen verhalten..
Wir alle haben Gegenstände, die uns besonders am Herzen liegen, und andere, denen wir eher gleichgültig gegenüberstehen. Als Erstes als ich mich mit diesem Thema beschäftigte, fiel mir mein Waterman-Füllfederhalter ein. Von derselben Marke hatte ich später auch einen Kugelschreiber und einen Druckbleistift. Seit mehr als zehn Jahren benutze ich sie nicht mehr, dennoch bewahre ich sie in ihrer Originalverpackung und finde sie bis heute schön. Ein weiteres Beispiel für Dinge, an denen ich hing, sind meine Armbanduhren – stets schlicht, mit weißem Zifferblatt und schwarzer Stundenmarkierung. Füllfederhalter und Uhr gehörten zu meiner Standardausrüstung, wenn ich ins Büro ging; sie waren einfach ein Teil von mir.
Mode
Ich interessiere mich nicht besonders für Kleidung, doch von Kleidungsstücken, die eigentlich längst zu abgetragen sind, kann ich mich nur schwer trennen. Zu Hause trage ich oft einen meiner ältesten Pullover. Und weil sie einfach bequem sind, kaufe ich seit zwanzig Jahren immer wieder dieselben Schuhe – trotz ihres etwas martialischen Namens: die Air Force 1 von Nike. Vor Kurzem sprachen mich ein paar etwa siebzehnjährige Jungens an: „Schöne Schuhe haben Sie!“, Ich bedankte mich für das Kompliment und musste lachen, als ich bemerkte, dass sie genau dieselben Schuhe trugen. Wer lange genug gleich gekleidet bleibt, erlebt irgendwann, dass sein Stil wieder in Mode kommt.
Das Werkzeug
Auf das Thema „eine Säge lieben“ brachte mich eine schöne Geschichte meines ehemaligen Kollegen, Freundes und Wandergefährten Evert. Sie handelt von seinem damals bereits lange verstorbenen Schwiegervater.
“Mein früherer Schwiegervater – bis ins hohe Alter Schreiner und zusammen mit seinem Bruder Mitinhaber einer Holzsägerei mit angeschlossener Schreinerei – hängte jeden Samstagnachmittag gegen drei Uhr ein Schild mit der Aufschrift GESCHLOSSEN an die Eingangstür seines Betriebs. Dann begann er, Werkzeuge und Materialien aufzuräumen. Dabei sortierte er jene Werkzeuge aus, die geschärft werden mussten: Stechbeitel und Sägen. Mit seinen schwieligen Fingern strich er über Schneiden und Sägezähne, um ihren Zustand zu prüfen. Nachdem alles aufgeräumt war, begann das Schärfen. Die Beitel kamen an die Schleifscheibe. Die Sägen wurden in einen Schraubstock eingespannt, und Zahn für Zahn wurde mit einer dreikantigen Feile nachgeschärft. Das war eine äußerst sorgfältige Arbeit. Jeder einzelne Zahn wurde bearbeitet, wobei mein Schwiegervater darauf achtete, dass die Zähne links und rechts des Sägeblatts exakt in einer Linie standen. Wenn man entlang eines solchen Sägeblatts blickte, sah man die Zähne auf beiden Seiten glänzen. (…) Manchmal sägte auch ich etwas in der Werkstatt. Er brachte mir bei, dass man eine Säge weder drücken noch zerren soll. ‚Die Säge möchte die Arbeit selbst machen. Du musst sie nur ruhig hin- und herbewegen und entlang des Bleistiftstrichs führen. Je mehr du selbst ziehst und drückst, desto schwerer machst du es ihr, dieser Linie zu folgen. Aufmerksamkeit und Liebe – darauf kommt es an.‘“
Autos
Meine Partnerin und ich haben, wenn es um Autos geht, eine ähnliche Gewohnheit wie Evert. Wenn unser Wagen nach stundenlanger Fahrt wieder zuverlässig schnurrend seinen Dienst getan hat, bekommt er anerkennende Klopfer auf die Karosserie und ein paar freundliche Worte dazu. Besonders ein älteres Modell wie unseres braucht so etwas vielleicht, damit es beim Anblick all der jungen Fahrzeuge, die auf der Autobahn vorbeiziehen, nicht doch noch einen – völlig unbegründeten – Minderwertigkeitskomplex entwickelt.
Sammeln
Viele Menschen sammeln Dinge. Ich selbst besitze mehr als hundert Buddha-Figuren. In den 1970er- und 1980er-Jahren bekam ich sie geschenkt weil es mir immer schwerfiel, Wunschlisten zu schreiben und ich bereits einige hatte, weil man sie offenbar für ein passendes Geburtstagsgeschenk hielt und weil sie so schön zu den anderen Buddha-Figuren im Regal passten. Eines Tages werde ich sie verkaufen, denn seit dreißig Jahren liegen sie in einer großen Kiste.
Verloren
Als ich vier oder fünf Jahre alt war, hatte ich einen Spielzeugauto, ein Geländewagen. Dessen Fahrer nannte ich einfach „das Männchen“. Irgendwann verlor ich ihn. Traurig war ich darüber jedoch nicht, denn in meiner Fantasie war er weiterhin da. Ich nahm ihn überallhin mit, sogar auf Spaziergänge mit der Familie. Das einzige Problem war, dass er nicht besonders schnell war – manchmal mussten wir alle auf ihn warten.
Weil er in meiner Vorstellung immer bei mir war, konnte ich ihn auch nie wirklich verlieren.
Doch so einfach ist es nicht immer, wenn wir etwas verlieren. Wenn mit einem Gegenstand schöne Erinnerungen verbunden sind, kann es lange dauern, bis wir darüber hinwegkommen, dass er verschwunden oder kaputtgegangen ist.
Aufraümen
Und dann ist da noch das Aufräumen – ein Thema für sich. Wenn mir etwas nichts mehr bedeutet und nur noch im Weg steht, trenne ich mich meist recht leicht davon. Dabei vergesse ich allerdings den Gegenstand noch einmal bewusst in die Hand zu nehmen und ihm dafür zu danken, dass er mir gedient hat. Genau das empfiehlt die Aufräum-Guruin Marie Kondo 1). Ihre Idee beruht unter anderem auf der aus dem Shintō stammenden Vorstellung, dass in allen Dingen ein Geist oder eine Lebenskraft wohnt und dass alles aus derselben Quelle hervorgegangen ist. Ich habe es selbst noch nicht ausprobiert, aber vielleicht macht es das Loslassen tatsächlich leichter.
Es gibt auch Menschen, die unaufhörlich Dinge anhäufen. In den Niederlanden gab es einen Schriftsteller, bei dem nach seinem Tod rund 100.000 Bücher im Haus gefunden wurden. Man vermutet, dass er ein sogenannter „Hoarder“ war – jemand mit einem krankhaften Sammeltrieb, der nichts wegwerfen kann. Wahrscheinlich gehörte das Buch von Marie Kondo nicht zu seiner Sammlung.
Ein Stück von uns selbst
Die Verbindung, die wir zu unseren eigenen Dingen haben, spielt auch bei gemeinsamem Besitz eine Rolle. Als die Kathedrale Notre-Dame de Paris brannte und Stück ihres Turmes einstürzte, sagte ein Zuschauer: „Es ist, als würde ein Stück von mir selbst verloren gehen.“
Die Dinge, die wir besitzen – allein oder gemeinsam mit anderen – und an denen wir hängen, werden Teil von uns selbst. Sie gehören zu dem Bild, das wir von uns haben, zu unserer persönlichen Identität. Je stärker diese Verbindung ist, desto schwerer fällt uns der Abschied von ihnen.
______________________
- Literatur: Magic Cleaning, deutsche Ausgabe: *Wie richtiges Aufräumen Ihr Leben verändert*.
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26 Ein ganz besonderes Gefühl im Inneren
WAHRNEHMUNG DESSEN, WAS IM KÖRPER GESCHIEHT
Auf unserer Reise sind wir bereits den fünf Sinnen des Aristoteles begegnet – Sehen, Hören, Tasten, Riechen und Schmecken. Sie ermöglichen uns die Wahrnehmung dessen, was außerhalb unseres Körpers liegt. Heute geht es um alles, was wir in unserem Körper wahrnehmen können.
Wenn von Sinnen die Rede ist, erscheinen die Wahrnehmungen von Vorgängen im eigenen Körper oft etwas weniger spannend. Sie erhalten deutlich weniger Aufmerksamkeit als die Frage, wie wir Informationen über die Außenwelt gewinnen. Dabei sind sie von großer Bedeutung. Über sie wird täglich gesprochen – und sogar gesungen. Die niederländische Sängerin Corry Konings sang:
Ich bekomme ein ganz besonderes Gefühl im Inneren,
wenn du mich ansiehst, mein lieber Schatz.
Was soll ich nur ohne dich anfangen?
Hörst du mein Herz so laut schlagen?
Ich bekomme ein ganz besonderes Gefühl im Inneren,
wenn du mich auch nur kurz berührst.
Dann wird mir heiß und kalt zugleich im Innere.
Da ich selbst eher verfroren bin, denke ich bei den inneren Sinnen zunächst an den Temperatursinn. Mit ihm nehmen wir wahr, ob uns warm oder kalt ist. Aber auch dann, wenn wir es gar nicht bewusst bemerken, verfügt unser Körper über eine Art innere Thermostatik. Sie registriert die Körpertemperatur, prüft, ob sie zu hoch oder zu niedrig ist, und sendet bei Bedarf Signale an andere Körpersysteme. Diese sorgen dann entweder für mehr Wärmeproduktion oder für eine entsprechende Abkühlung.
Darüber hinaus besitzen wir Sinne, die wahrnehmen, wie wir uns im Raum befinden und bewegen. Der Gleichgewichtssinn ermöglicht es uns, aufrecht zu stehen, zu gehen oder zu sitzen. Die sogenannte Propriozeption sorgt beispielsweise dafür, dass wir wissen, wo sich unsere Hände befinden. Wenn wir die Hände hinter dem Rücken halten, müssen wir nicht bewusst darüber nachdenken, wo sie sind, wenn wir sie brauchen. Wir wissen es einfach. Die Absicht, sie einzusetzen, genügt, damit sie aktiv werden.
In unserem Gehirn gibt es gewissermaßen eine Art Google Maps, das uns mitteilt, woher Signale kommen und wohin sie geleitet werden müssen. Wenn dabei etwas nicht richtig funktioniert, kann es vorkommen, dass jemand zum Arzt sagt: „Herr Doktor, wenn ich hier“ – und dabei auf sein Ohr zeigt – „drücke, tut es dort“ – und zeigt auf seinen Zeh – „weh.“
Die meisten dieser Sinne finden sich vermutlich bei allen Säugetieren. Der Arzt und Dozent Albert Soesman, der sich unter anderem mit Anthroposophie und Menschenkunde beschäftigte, beschrieb darüber hinaus Sinne, die speziell auf den Menschen ausgerichtet zu sein scheinen*:
– den Sprachsinn, mit dessen Hilfe die von Menschen hervorgebrachten Laute als Sprache wahrgenommen werden können;
– den Vorstellungssinn, durch den wir die Bedeutung dieser Sprachlaute erfassen, innere Bilder entwickeln und uns vorstellen können, was gemeint ist;
– den Lebenssinn, der Wahrnehmungen über unsere körperliche Verfassung vermittelt: ob wir uns energisch oder matt fühlen, müde oder wohl, ob wir Schmerzen haben oder nicht. Gleichzeitig fungiert er als Warnsystem und beantwortet gewissermaßen dieselben Fragen, die auch ein Hausarzt stellt, wenn man seine Sprechstunde aufsucht.
In der Praxis arbeiten all diese Sinne nicht isoliert voneinander. Jemand, der ausschließlich über das Sehvermögen verfügte, würde auf den Kühlschrank zugehen und feststellen, dass dieser auf seiner Netzhaut immer mehr Raum einnimmt. Er könnte daraus schließen, der Kühlschrank werde größer – und vielleicht sogar fragen: „Ist die Bierflasche darin etwa auch gewachsen?“
Das Gehirn korrigiert diesen Eindruck jedoch. Es weiß durch die Propriozeption, dass wir uns selbst bewegen. Vielleicht registriert auch der Tastsinn, dass wir unsere Füße immer wieder anheben und aufsetzen. Hinzu kommen unser räumliches Denken und unser Wissen darüber, dass die Größe eines Kühlschranks normalerweise konstant bleibt. So arbeiten zahlreiche Sinne zusammen und erzeugen fortlaufend ein aktualisiertes und sinnvolles Bild der Wirklichkeit.
In unserem Körper geschieht ständig eine Vielzahl von Vorgängen. Die allermeisten davon nehmen wir gar nicht bewusst wahr. Das liegt auch daran, dass unsere Aufmerksamkeit überwiegend auf das gerichtet ist, was außerhalb von uns geschieht.
Corry Konings beschreibt die körperlichen Empfindungen einer angenehmen Verliebtheit – Empfindungen, die sie offenbar zuvor noch nie in dieser Weise erlebt hatte. Schnelle Entscheidungen und Urteile entstehen nicht nur im assoziativen Gehirn, sondern manchmal auch durch Intuition. Darüber, über den sogenannten sechsten Sinn und darüber, wie Algorithmen unser Leben beeinflussen und steuern, soll es beim nächsten Mal gehen.
Mit unseren vielen Sinnen – ich habe inzwischen den Überblick verloren; jemand hat sogar einmal behauptet, der Mensch verfüge über 32 Sinne – erhalten wir Informationen aus unterschiedlichsten Quellen: über unsere Umgebung und über uns selbst. Was wir letztlich erleben, ist das, was unser Gehirn daraus macht. Und das, was wir bewusst oder unbewusst davon mitbekommen.
__________________
*) Albert Soesman: Die zwölf Sinne – Tore der Seele. Freies Geistesleben, 2019.
25. Es passiert viel – aber es fühlt sich gut an

ÜBER DIE KRAFT DES FÜHLENS
Meine Partnerin und ich haben uns in einem alternativen Umfeld der Persönlichkeitsentwicklung kennengelernt. Wenn wir dort jemanden längere Zeit nicht gesehen hatten und uns beim Wiedersehen erkundigten, wie es ihm oder ihr gehe, lautete die Antwort oft: „Es passiert viel – aber es fühlt sich gut an.“
Für mich war das gewissermaßen die erste Begegnung mit meinem Gefühlsleben. Eine Begegnung, die bis heute andauert – auch auf dieser Reise. Lange Zeit konnte ich mit meinen Emotionen wenig anfangen; ich hatte eher das Gefühl, dass sie im Weg standen. Damit war ich vermutlich nicht allein. Nicht umsonst gab die Psychologin Marja Postma ihrem Buch über Emotionen den Titel: „Emotionen – was soll ich damit anfangen?“ *)
Inzwischen ist mir vieles klarer geworden. Zum Beispiel, dass Emotionen zunächst einmal körperliche Reaktionen auf eine bestimmte Situation sind. Etwa wenn einem während eines gemütlichen Spaziergangs plötzlich ein bedrohlich wirkender Mann mit einem ebenso bedrohlich wirkenden Hund entgegenkommt.
Zugleich wissen wir heute, dass Emotionen überall auf der Welt vorkommen und sich oft unmittelbar im Gesicht ablesen lassen. Paul Ekman **) zeigte Menschen in vielen Ländern Fotografien von Gesichtern und bat sie zu beurteilen, ob die jeweilige Mimik Ärger, Ekel, Angst, Freude, Trauer oder Überraschung ausdrückte. In vielen Fällen gelang dies erstaunlich gut, auch wenn die Trefferquote durchaus von der jeweiligen Kultur beeinflusst wurde.
Die weltweit verwendeten Smileys und Emoticons verdeutlichen die wesentlichen Gesichtsausdrücke der Emotionen noch unmittelbarer. Dennoch ist es der Wissenschaft bislang nicht gelungen, für die sechs Basisemotionen eindeutige neurologische Unterschiede nachzuweisen.
Nützliche körperliche Reaktionen
Nicht nur das Gesicht verändert sich bei unterschiedlichen Emotionen. Bei Wut strömt beispielsweise mehr Blut in die Hände. Dadurch fällt es leichter, eine Waffe zu ergreifen oder einen Gegner anzugreifen. Gleichzeitig steigt die Herzfrequenz, und Hormone wie Adrenalin sorgen für einen Energieschub, der entschlossenes Handeln ermöglicht.
Bei Angst hingegen wird das Blut in die großen Skelettmuskeln, insbesondere in die Beine, umgeleitet. Das erleichtert die Flucht. Gleichzeitig verharrt der Körper oft für einen kurzen Moment regungslos – möglicherweise, um Zeit zu gewinnen und zu prüfen, ob Verstecken oder Weglaufen die bessere Reaktion ist.
Und alles hat seinen Sinn: Das Hochziehen der Augenbrauen bei Überraschung erweitert unser Sichtfeld und lässt mehr Licht auf die Netzhaut fallen. Dadurch erhalten wir zusätzliche Informationen über das unerwartete Ereignis und können schneller einschätzen, was geschieht und wie wir am besten reagieren.
Schon Darwin beschrieb, dass der Gesichtsausdruck des Ekels vermutlich daraus entstanden ist, die Nasenlöcher zu verschließen und sich so vor schädlichen Stoffen zu schützen.
Identifikation
Interessant finde ich, wie wir über Emotionen sprechen. Wir können Dinge sehen, hören oder mit unseren Händen ertasten – wir nehmen sie wahr. Es gibt also einen Beobachter auf der einen Seite und etwas Beobachtetes auf der anderen.
Wenn es jedoch um die genannten Emotionen geht, sagen wir: „Ich bin wütend“,„Ich bin traurig“. Zwischen der Emotion und uns selbst besteht also eine unmittelbare Identifikation. Die Emotion wird zu einem Teil unseres Selbstbildes. Diese Identifikation spielt eine wichtige Rolle im Zusammenhang mit emotionaler Intelligenz; darauf werde ich später noch zurückkommen.
Theoretisch geht eine Emotion auch wieder schnell weg. Der Körper hat sich auf eine unerwartete Situation vorbereitet und kann nun handeln – oder feststellen, dass Handeln gar nicht notwendig ist.
Doch wir wissen, dass es oft anders kommt. Bedrohungen können dauerhaft werden, Erinnerungen können sich festsetzen, Situationen gemieden und Trauer tief vergraben werden. Zahlreiche Studien zeigen inzwischen, dass gerade das Nicht-Fühlen-Wollen oder Nicht-Fühlen-Können in solchen Situationen langfristig schwerwiegende Folgen haben kann. Darin liegt die zerstörerische Kraft des Verdrängens. Wer nicht fühlen will, verleugnet einen Teil von sich selbst – einen Teil seiner Identität.
Ein Leben voller Empfindungen
Emotionen und körperliche Empfindungen liegen eng beieinander. Gemeinsam erzählen sie die Geschichte eines Lebens. Zum Beispiel:
- Ich spüre die warme Berührung meiner Mutter.
- Ich spüre alles, was ich in die Hände nehme.
- Ich spüre, dass ich in die Hose gemacht habe.
- Ich spüre die Schläge eines Mitschülers.
- Ich spüre das eiserne Geländer unter meinen Händen, wenn ich die 26 Stufen vor dem Haus Bilderdijkstraat 46 in Amsterdam hinuntergleite (zählen Sie ruhig nach).
- Ich spüre, wie meine Füße auf dem Boden aufkommen, wenn ich von der siebten Stufe auf die Straße springe.
- Ich spüre das Stechen des Heus in einem Heuschober.
- Ich spüre den Einstich und anschließend die merkwürdige Wirkung der Betäubung beim Zahnarzt.
- Ich fühle mich unbeholfen beim Fußballspielen auf dem Schulhof.
- Ich fühle mich von den Gruppen in der Klasse ausgeschlossen.
- Ich spüre, wie mir das Blut in den Kopf steigt, wenn ich etwas falsch gemacht habe.
- Ich spüre, wie das Blut wieder aus dem Kopf weicht.
- Ich spüre, wie mir schwindelig wird.
- Ich fühle Stolz, wenn andere über einen meiner Witze lachen.
- Ich habe das ängstliche Gefühl, gleich ohnmächtig zu werden.
- Ich spüre lustvolle sexuelle Berührungen.
- Ich spüre die Sonne auf meinem Kopf.
- Ich spüre, wie weich die Katze ist, wenn ich sie streichle.
- Ich fühle mich stark, wenn ich selbst bei schlechtestem Wetter joggen gehe.
- Ich fühle mich gefangen in meinem eigenen Kopf.
- Ich fühle mich angenehm gelöst nach dem zweiten Glas.
- Ich spüre Ungeduld, wenn das zweite Glas nicht schnell genug auf das erste folgt.
- Ich spüre eine Sehnsucht – ohne genau zu wissen, wonach.
- Noch Monate nach der Scheidung spüre ich Schmerzen im Bauch.
- Ich spüre die Stirn meiner Geliebten an meiner Stirn und habe das Gefühl, ewig so stehen bleiben zu können.
- Ich spüre das warme Meerwasser um mich herum in einer wunderschönen Bucht auf Mallorca.
- Ich fühle mich klein, obwohl ich der Chef bin.
- Ich fühle mich mächtig, wenn bei der Arbeit alles wie am Schnürchen läuft.
- Ich spüre Wut, wenn mir niemand zuhört.
- Ich fühle mich machtlos, wenn ich keine Wunder bewirken kann.
- Ich spüre Erleichterung, wenn ich nicht länger den Chef spielen muss.
- Ich spüre Hingabe an die Liebe.
- Ich bin tief berührt.
- Ich fühle Frieden.
Durch so eine Übersicht von fühlen und spüren lernt man einen Menschen auf ganz andere Weise kennen als durch ein tabellarischen Lebenslauf.
________________________
*) Marja Postma: Emotionen – was soll ich damit anfangen? Sich selbst und andere besser verstehen. 2012.
**) Paul Ekman: Emotions Revealed. 2007.
Illustration: Johan Leo Koet
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24. Fußball spielt man gemeinsam

ÜBER DEN GEMEINSCHAFTSSINN UND DAS JUBELN
Auch für Fußballliebhaber
Gemeinschaften
Für viele Fußballfans geht es in den kommenden Wochen vor allem darum, ob ihr Land gewinnt. Sie unterstützen die Vertreter der Gemeinschaft, zu der sie sich zugehörig fühlen. Gemeinschaften gibt es in vielerlei Formen: Arbeitsgruppen, Freundeskreise, Sportvereine, politische Parteien, das Land, in dem man lebt, Chöre oder andere Vereine. Man kann auch Anhänger oder Fan einer Mannschaft sein. Dann identifiziert man sich mit deren Erfolgen und Niederlagen.
Wenn jemand laut jubelt, weil seine Mannschaft gewonnen hat, oder niedergeschlagen ist, weil sie verloren hat, dann ist sein Gemeinschaftssinn angesprochen.
Ich selbst erlebe immer wieder, dass die Gefühle beim gemeinsamen Anschauen eines Fußballspiels deutlich intensiver sind als vor dem Fernseher allein. In der Gruppe wird das Gemeinschaftsgefühl stärker spürbar. So habe ich beispielsweise mit meinen Chorkollegen – etwa dreißig Männern – ein Spiel der vergangenen Weltmeisterschaft auf einem kleinen Fernsehbildschirm verfolgt. Ich war völlig in das Spiel vertieft. Wenn mich wieder einmal ein begeisternder Angriff mitriss, bei dem die Gegner scheinbar regungslos stehen blieben, der Ball aber am Ende doch knapp am Tor vorbeiging, fragten die anderen manchmal etwas besorgt, ob ich mich nicht ein wenig zu sehr aufregte.
Teamgeist
Dass man persönliche Interessen dem Wohl der Mannschaft unterordnen müsse, hört man in den Analysen nach jedem Fußballwochenende. Ich selbst war nie besonders teamorientiert. Vielleicht wollte ich deshalb lieber Torwart bei Ajax werden als Feldspieler. Wahrscheinlich fehlten mir auch der Überblick und das Gespür für Gruppenzusammenhänge. Bei Westernfilmen wusste ich zum Beispiel nie, wer die Guten und wer die Bösen waren. (Heute weiß ich, dass ich damals warscheinlich hätte denken sollen, dass die Indianer die Bösen waren.)
Ich war wohl sechs oder sieben Jahre alt, als wir einmal auf der Straße mit Blasrohren spielten – diese Plastikrohre, durch die man selbst gebastelte Papierpfeile aus Zeitungspapier oder Frauenzeitschriften schießen konnte. Ich glaube, wir standen zu fünft einer Gruppe von drei Jungen gegenüber. Irgendwann fiel mir auf, dass auf der Seite der anderen viel mehr Pfeile auf dem Boden lagen als bei uns. Das war natürlich logisch: Wir waren zu fünft und schossen entsprechend mehr Pfeile ab. Also wechselte ich kurzerhand die Seite, denn dort konnte ich viel mehr schießen. Später erklärte mir mein älterer Bruder, der zu unserer ursprünglichen Gruppe gehörte, dass ich das künftig besser bleiben lassen sollte.
Soweit ich mich erinnere, stellte sich mein erstes echtes Gefühl von Teamverbundenheit erst Jahrzehnte später ein. Damals gingen wir mit dem Managementteam unseres Büros Paintball spielen. Langsam schlichen wir voran, gaben uns leise Zeichen über die Position des „Feindes“ und waren dabei stark voneinander abhängig. Dieses Zusammenspiel vermittelte mir ein ganz besonderes Gefühl.
In der Aufregung über unsere erfolgreiche Aktion schoss ich anschließend dreimal aus etwa anderthalb Metern Entfernung auf den leitenden Gerichtsvollzieher, obwohl man uns eingeschärft hatte, mindestens zehn Meter Abstand zu halten. Glücklicherweise war der Mann robust genug, um das wegzustecken. Später gab er mir sogar einen Tipp zu einem Haus, das in seinem Arbeitsgebiet zum Verkauf stand. Dort wohnen wir inzwischen seit mehr als dreißig Jahren.
Jubeln – aber nicht zu lange
Fast jede Woche sehe ich mir die Fußballzusammenfassungen im Fernsehen an. Dabei fällt mir immer wieder auf, wie stark sich das Verhalten der Spieler auf dem Platz von dem unterscheidet, was sie anschließend in Interviews sagen.
Wenn ein Spieler ein Tor erzielt hat, springt er oft noch einen halben Meter höher in die Luft als bei dem Kopfball, mit dem er gerade getroffen hat. Dann rennt er los und rutscht auf den Knien zehn oder fünfzehn Meter über den Rasen. Dabei denke ich jedes Mal: Hoffentlich liegt dort kein Glas – sonst sind die Kreuzbänder sofort durchtrennt.
Anschließend folgt die große Gruppenumarmung: Alle Mitspieler werfen sich auf ihn oder legen sich über ihn.
Manchmal kommt die Mannschaft sogar sofort zum Gratulieren, noch bevor der Torschütze überhaupt zu seiner Knie-Rutsch-Show ansetzen kann. Dann steht er noch aufrecht da, während fünf, sechs oder noch mehr Mitspieler an ihm hochspringen und sich an ihn hängen. Ob seine Beine dieses Gewicht wirklich aushalten? Müsste nicht ein Trainer oder Sportphysiotherapeut darauf hinweisen, dass das eigentlich unverantwortlich ist?
Dann steht der glückliche Torschütze vor der Kamera. Der Reporter lädt ihn ein, etwas über sein großartiges und wichtiges Tor zu sagen, das immerhin den Ausgleich gebracht hat. Der Spieler wird plötzlich ernst und erklärt vorsichtig:
„Wir haben das natürlich als Mannschaft geschafft. Ich versuche einfach, wichtig für das Team zu sein. Schade, dass wir die drei Punkte nicht mit nach Hause nehmen konnten.“
Vor der Kamera sollte man sich eben nicht allzu sehr selbst feiern – das könnten die Mitspieler übelnehmen. Auch das gehört zum Teamgeist.
Überleben
Schon Darwin stellte fest: Je stärker Loyalität, Gehorsam, Mut und gegenseitige Unterstützung innerhalb einer Gruppe ausgeprägt sind, je mehr ihre Mitglieder bereit sind, einander zu helfen und sich notfalls für das Gemeinwohl zu opfern, desto größer sind ihre Chancen, sich gegenüber anderen Gruppen zu behaupten. Das ist natürliche Selektion.
Und genau diese Eigenschaften brauchen wir auch heute noch, wenn wir als Gruppe etwas erreichen wollen – sei es im Fußball oder anderswo.
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23. Wir

ÜBER DAS KATEGORISIEREN VON MENSCHENGRUPPEN
Heute geht es um die Gruppen, zu denen ein Mensch gehören kann – um die Menschen also, die mit „wir“ gemeint sind. Wenn ich von unserem letzten Urlaub spreche und sage: „Wir waren in der Normandie im Urlaub“, dann meine ich meine Partnerin, meine beiden jüngsten Kinder und mich selbst. Wenn ich sage: „Wir machen das lieber im Stehen“, dann spreche ich – beispielsweise – über etwa die Hälfte der Weltbevölkerung, nämlich über Männer einschließlich meiner selbst, und über die Körperhaltung beim Urinieren. Nur als Beispiel natürlich, unabhängig davon, ob diese Aussage überhaupt stimmt und ob diese Vorliebe auch praktisch umgesetzt werden sollte.
Jedem „Wir“ stehen alle Menschen gegenüber, die nicht dazugehören, und diese teilen wir gerne in eigene Gruppen ein: Menschen aus verschiedenen Ländern oder Kontinenten, Menschen mit unterschiedlichem religiösem oder weltanschaulichem Hintergrund, mit unterschiedlichen sexuellen Orientierungen, Altersgruppen und so weiter.
Gegenüber – oder vielleicht besser: neben – jedem „Wir“ gibt es mindestens ein „Sie“. Und jedes dieser „Sie“ bekommt ein Etikett aufgeklebt – eine Folge jenes Kategorisierens, mit dem wir unsere Umwelt überschaubar und handhabbar machen.
Vor und nach der Weihnachtsnacht
In seinem “Buch Im Grunde gut” zeigt Rutger Bregman 1), dass Kinder dieses Etikettieren der „anderen“ bereits in sehr jungem Alter praktizieren. In einer Schulklasse wurden den Kindern zufällig blaue oder rote T-Shirts gegeben, und es dauerte nicht lange, bis die „Blauen“ eine Meinung über die „Roten“ entwickelt hatten – und umgekehrt.
Bregman nennt allerdings auch eindrucksvolle Beispiele dafür, wie solche Bilder über „die anderen“ plötzlich verschwinden können. Etwa in der Weihnachtsnacht des Jahres 1914: Deutsche und französische Soldaten stiegen aus ihren Schützengräben und sangen zwischen den Frontlinien gemeinsam Weihnachtslieder. Für viele war es vermutlich das erste Mal, dass sie dem „Feind“ direkt in die Augen blickten. Und das Bild vom anderen hatte sich für immer verändert.
Später kämpften sie wieder gegeneinander – aber nicht, weil die Männer auf der anderen Seite plötzlich wieder Feinde geworden waren, sondern weil sie ihre Kameraden nicht im Stich lassen wollten, oderauch nicht desertieren dürften.
Bilder und Etiketten
Ich selbst bin in einem weißen, katholischen Umfeld aufgewachsen. Geschichten darüber, dass katholische und protestantische Schüler sich prügelten, habe ich zwar gehört, selbst erlebt habe ich das jedoch nie. Aus meiner Schulzeit erinnere ich mich als einzigen nicht-weißen Mitschüler an einen Jungen mit – wie ich damals dachte – japanischem Namen. Erst vor Kurzem erfuhr ich, dass er der Sohn eines balinesischen Prinzen war.
Vielleicht gerade wegen dieses einseitigen Umfelds bin auch ich – trotz meiner deutlichen Ablehnung von Diskriminierung – nicht darum herumgekommen, mir Bilder und Etiketten über bestimmte Gruppen von Menschen zu bilden und diese dann einzelnen Personen zuzuschreiben.
Meine Erfahrung ist ebenfalls, dass persönliche Begegnungen mit Menschen aus solchen „anderen“ Gruppen sehr hilfreich dabei sind, starre Vorstellungen über diese Gruppen loszulassen.
Auf YouTube findet man heute zahlreiche Videos über „die Niederländer“ – insbesondere darüber, dass sie angeblich so direkt seien. Das mag im Durchschnitt vielleicht häufiger zutreffen als etwa bei Japanern, aber selbstverständlich gilt das nicht für jeden einzelnen Niederländer.
Venus und Mars
Eine ganz besondere Gruppeneinteilung – vor allem deshalb, weil die Mitglieder beider Gruppen oft geradezu bemüht sind, mit jemandem aus der anderen Gruppe zusammen zu sein – ist die Unterscheidung zwischen Männern und Frauen.
In dem Buch “Männer sind anders. Frauen auch” von John Gray 2), das sich allein in den Niederlanden 450.000-mal verkauft hat, werden biologische Argumente angeführt, um Unterschiede im Verhalten von Männern und Frauen zu erklären. Inzwischen ist jedoch die vorherrschende wissenschaftliche Auffassung, dass die meisten Unterschiede in Verhalten und Vorlieben durch Sozialisation entstehen und kein eindeutiges biologisches Fundament haben.
Währenddessen setzt sich die Emanzipation der Frauen weiter fort 3), und die Männer versuchen, einigermaßen mitzuhalten. Kaum vorstellbar, dass Frauen im öffentlichen Dienst in den Niederlanden erst ab 1955 nach einer Heirat nicht mehr automatisch entlassen wurden. Davon sind wir inzwischen weit entfernt. Dennoch verdienen Frauen für die gleiche Arbeit oft noch immer weniger als Männer, übernehmen mehr Hausarbeit, und auch die Verantwortung für die Kindererziehung ist weiterhin ungleich verteilt. Man muss sich nur einmal auf Schulhöfen umsehen, wenn die Kinder nachmittags abgeholt werden: Dort dominieren die Frauen, und die meisten Männer, die warten, sind pensionierte Großväter.
Hinzu kommt, dass Frauen einem Schönheitsideal ausgesetzt sind, das unter anderem von Modezeitschriften geprägt wird. In einem Interview sagte einmal jemand aus der Redaktion eines Modemagazins:
„Die Wirklichkeit lässt sich nicht mehr verkaufen.“
Mit anderen Worten: Vieles, was in solchen Magazinen gezeigt wird, ist künstlich inszeniert. Das führt zu immer mehr Cremes und Kosmetik – und oft zu weniger Selbstwertgefühl. Apps entfernen auf Fotos für Instagram und ähnliche Plattformen auf Wunsch automatisch Falten und Unebenheiten. Inzwischen treten aufgrund all dieser Gesichtscremes immer mehr Gesundheitsprobleme auf. Manche jungen Mädchen werden von Influencern dazu verleitet, sogar zehn Cremes übereinander aufzutragen und schädigen dadurch ihre Haut.
Äußeres und Identität
Biologische Unterschiede spielen übrigens auch eine wichtige Rolle in der Diskussion über Menschen, die nicht in das klassische Schema „Mann/Frau“ passen.
Mittlerweile wurden zahlreiche Gruppen beschrieben, zu denen Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer empfundenen Geschlechtsidentität gehören können. Besonders die Frage, ob und unter welchen Voraussetzungen Menschen das bei der Geburt offiziell eingetragene Geschlecht ändern dürfen, ist ein aktuelles gesellschaftliches Thema.
Interessant ist dabei, dass laut dem Hirnforscher Dick Swaab ein bestimmter Gehirnbereich gefunden wurde, der sich bei Frauen und Männern unterscheidet – wobei diese Unterschiede individuell unterschiedlich stark ausgeprägt sein können. 4)
Außerdem wurde festgestellt, dass dieser Gehirnbereich bei Männern, die sich stärker als Frau empfinden, durchschnittlich eher weibliche Merkmale zeigt als bei anderen Männern. Der Bereich, in dem sich das Gefühl der „Geschlechtsidentität“ entwickelt, entsteht beim Fötus erst später als die Geschlechtsorgane; beide Entwicklungen verlaufen also nicht vollständig parallel.
Körperliche Faktoren können daher durchaus eine Rolle dabei spielen, ob jemand sich als Mann oder als Frau empfindet.
Eigentlich schien alles einmal ganz einfach: Es gibt Männer und Frauen; Männer fühlen sich als Männer und Frauen als Frauen; sie verhalten sich entsprechend; Männer fühlen sich zu Frauen hingezogen und Frauen zu Männern. Die Realität ist jedoch vielfältiger – eine Vielfalt, die manche nur schwer akzeptieren können.
Gehört man wirklich dazu?
Bisher ging es vor allem um das Wir-und-Sie-Denken und darum, wie Gruppen aufeinander blicken. Das wird wohl immer in Bewegung bleiben.
Eine ganz andere Geschichte ist das Geschehen innerhalb von Gruppen: in Vereinen, am Arbeitsplatz, unter Nachbarn, innerhalb von Familien und so weiter. Auch dort spielt sich vieles ab – vielleicht vor allem die wichtigste Frage überhaupt: Gehört man wirklich dazu oder nicht?
Darüber schreibe ich vielleicht ein anderes Mal.
O O O O O O O O O O O O O
- Im Grunde gut. Rutger Bregman. Rowohlt, 2020.
- Männer sind anders. Frauen auch.. John Gray. Goldman, 1993.
- Jede Bewegung erzeugt ihre Gegenbewegung. In den USA gewinnen sogenannte „tradwives“ („traditional wives“) an Sichtbarkeit – traditionelle Hausfrauen, deren zentrale Werte Fürsorge, Anpassungsfähigkeit und vor allem Mutterschaft sind. Auf YouTube und TikTok (Facebook gilt in diesen Kreisen inzwischen eher als unmodern) zeigen sie – man kann einfach nach „tradwives“ suchen –, wie sie sich für ihre Männer schön machen und sie umsorgen, häufig unter Bezug auf die Bibel.
- de Volkskrant, 3. Dezember 2022: „Biologen sehen immer mehr Zwischenformen zwischen Mann und Frau.“
Bild: Johan Leo Koet
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22. Diana Ross und ihre Amygdala

ÜBER WIEDERKEHRENDE NEGATIVE GEDANKEN
Bei der Entstehung emotionaler Reaktionen spielt die Amygdala eine wichtige Rolle. Heute richten wir den Blick auf die Amygdala von Diana Ross. Über die Amygdala habe ich bereits eher geschrieben: Sie ist gewissermaßen die Schleuse, in der alle eingehenden Signale in einem schnellen Check geprüft werden, ob sie möglicherweise Gefahr oder vielmehr Chancen bedeuten. Der Neurowissenschaftler Daniel Goleman*) nannte sie „die emotionale Zeugenbank des Gehirns, ein Sammelbecken für all unsere Momente von Triumph und Scheitern, Hoffnung und Angst, Empörung und Frustration“.
Die Reaktion der Amygdala ist schon da ehe wir sie überhaupt bemerken; sie reagiert, noch ehe uns der Reiz bewusst wird, den sie bewertet.
Die Amygdala ist also zwar schnell, aber eher grob, und ihr fehlt eine entscheidende Information: Sie weiß nämlich nicht, ob die Signale tatsächlich über die Sinne aus der Außenwelt kommen oder aus unserem eigenen Denkprozess stammen.
Reflections
So konnte es geschehen, dass Diana Ross gemeinsam mit The Supremes in den 1960er-Jahren immer wieder an den Mann denken musste, der sie Jahre zuvor verlassen hatte:
“Through the mirror of my mind, time after time
I see reflections of you and me
Reflections of the way life used to be
Reflections of the love you took from me
(…)
Everywhere I turn seems like everything I see
Reflects the love that used to be
In you I put all my hope and trust
Right before my eyes my world has turned to dust
After all the nights I sat alone and wept
Just a handful of promises are all that’s left of loving you”
Und so ging das noch fünf weitere Strophen lang. Die Frage stellt sich: Warum musste Diana Ross ständig an diese alte Liebe denken? **)
Der entscheidende Satz lautet:
“Everywhere I turn seems like everything I see reflects the love that used to be.”
Mit anderen Worten: In der gegenwärtigen Realität gibt es über die Sinneswahrnehmung ständig Reize, die Assoziationen zu vergangenen Erlebnissen hervorrufen.
Sie geht an dem Café vorbei, in dem sie oft gemeinsam etwas getrunken haben, und über die Sinneseindrücke der Gegenwart erzeugt das Gehirn Bilder aus jener Zeit – samt der unangenehmen Erinnerung an das Ende der Beziehung. Diese Bilder erreichen wiederum die Amygdala, die nicht wirklich unterscheiden kann, dass diese assoziativen Bilder aus der Vergangenheit stammen. Die Amygdala sorgt dann dafür, dass dieselbe Standardreaktion ausgelöst wird, als würde Diana in diesem Moment erneut verlassen werden.
Dabei entstehen Veränderungen in Muskeln, Organen und elektrochemischen Prozessen im Körper, und diese Veränderungen gelangen in Dianas Gefühlswelt. Neben Traurigkeit, Wut und Enttäuschung können weitere Gedanken und Gefühle entstehen: Vielleicht beginnt Diana – nicht zum ersten Mal – daran zu zweifeln, ob sie gut genug ist, ob sie Liebe überhaupt verdient, und sie fragt sich, ob sie jemals einen treuen Partner finden wird. Danach bemitleidet sie sich womöglich selbst. Daran ändert auch eine goldene Schallplatte nichts. Auf diese Weise kommt sie nie wirklich von ihrer Vergangenheit los.
Die Kartei
Die Verbindung zwischen Denken und Emotionen ist nach Ansicht der Wissenschaft einer der wichtigsten – wenn nicht sogar der wichtigste – Faktoren dafür, wie Menschen ihr Leben erleben.
Der niederländische Psychologe und Publizist René Diekstra vergleicht den menschlichen Geist mit einer Kartei. Als Beispiel nennt er jemanden, der einen Kondolenzbesuch macht. Dabei wird automatisch die Karte mit dem Stichwort „Tod“ hervorgeholt. Darauf steht nicht nur, wie man sich bei einer Beileidsbekundung verhält, sondern auch die eigene Geschichte mit dem Tod – etwa der Verlust von Eltern oder geliebten Menschen – mitsamt den dazugehörigen Emotionen.
Wenn man also jemanden auf einer Beerdigung weinen sieht, muss das nicht ausschließlich Mitgefühl mit den Angehörigen bedeuten, denen gerade kondoliert wird.
Ich habe einige Male den Verkehrskreisel rund um den Arc de Triomphe in Paris gefahren. In mir kamen keinen Gedanke auf die mich an etwas Schönes oder Ärgerliches aus der Vergangenheit errinert haben. Die Autos kamen von allen Seiten, die Vorfahrtsregeln waren mir nicht ganz klar, und selbst wenn es eindeutige Regeln gegeben hätte, hätten die Pariser sie vermutlich ignoriert. Meine ganze Aufmerksamkeit galt also dem Verkehr.
Auch ein schwieriges Sudoku kann ich nicht lösen, während ich gleichzeitig Urlaubspläne schmiede. Wenn ich nicht bewusst mit etwas beschäftigt bin – mit etwas, das Aufmerksamkeit verlangt, weil sonst etwas schiefgeht –, dann drängen sich mir immer Gedanken auf, mehr oder weniger stark. Und soweit ich verstanden habe, gilt das weltweit für die meisten Menschen.
Jeder dieser Gedanken kann wiederum eine Emotion hervorrufen, und diese kann sich auf etwas beziehen, das vor einer Viertelstunde passiert ist oder vor fünfundfünfzig Jahren. Die ausgelöste Emotion erzeugt dann erneut Gedanken – und so weiter, und so weiter. Und bei Diana Ross wurde die Karte mit dem Stichwort „Liebe und Treue“ offenbar nicht mehr in die Kartei zurückgelegt.
Emotionale Intelligenz
Die Fähigkeit, Tatsachen und Gefühle voneinander zu unterscheiden, die Gedankenwelt von der „wirklichen“ Welt zu trennen und sich nicht ausschließlich von Emotionen leiten zu lassen, nennt man „emotionale Intelligenz“. Mehr dazu später.
Diana Ross überließ sich in „Reflections“, badend im Selbstmitleid, ganz ihren Emotionen – und offenbar gefiel das vielen Menschen: Platz 2 der Charts in den USA und Großbritannien, im „nüchternen“ Niederlande immerhin Platz 3 und in Deutschland noch Platz 16. Ob das wohl etwas über die emotionale Intelligenz der Käufer dieser Platte aussagt?
___________________________
*) EQ. Emotionale Intelligenz. Daniel Goleman, 1996.
**) Reflections, Diana Ross and The Supremes, 1967.
Der Vollständigkeit halber muss ich allerdings noch etwas ergänzen – genauer gesagt: korrigieren. Es war nicht Diana Ross selbst, die dies persönlich erlebt hat. Wahrscheinlich war es eher einer der Herren Holland-Dozier-Holland – jenes Trios, das in den 1960er- und 1970er-Jahren eine beeindruckende Menge Musik schrieb und produzierte und damit unter anderem Diana Ross und The Supremes, Marvin Gaye, Jr. Walker & the All Stars und The Four Tops berühmt machte. Lebenserfahrung hatten sie offensichtlich.
Ordnet man die Titel ihrer Lieder in eine logische Reihenfolge, landet man schließlich bei jenem Titel, der ihr Gesamtwerk vielleicht am besten zusammenfasst: “What Goes Up Must Go Down.” Und dann beginnt alles wieder von vorn.
Bildbearbeitung: Johan Leo Koet (Fotos u. a. von Pexels)
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21. Geschmäcker sind verschieden
ÜBER DIE ENTWICKLUNG DES MUSIKGESCHMACKS IM LAUFE DES LEBENS

Es ist inzwischen mehr als sechs Jahre her, dass ich die niederländische Fernsehsendung Beste Zangers gesehen habe. Von Floor Jansen und Henk Poort hatte ich bis dahin noch nie gehört. Es war die letzte Folge der Staffel und zugleich das erste Mal, dass ich diese Sendung sah. Doch als sie ihr Lied sangen, war ich sofort überwältigt: „Was ist das – was geschieht hier?“, fragte ich mich. Es war der Beginn einer völlig neuen Episode in meinem Musikgeschmack.
Offenbar unterscheiden sich Musikgeschmäcker nicht nur zwischen Menschen, sondern verändern sich auch im Laufe eines Lebens – und das wird auch wissenschaftlich so betrachtet. So unterscheidet man verschiedene Phasen: Alles, was sich in den ersten 12 oder 13 Jahren entwickelt, geht über in eine intensive Phase, die Pubertät. Wenn diese etwas abgeklungen ist, folgt eine moderne Phase, die stärker von sozialen Kontakten im Freundeskreis und vom Ausgehen geprägt ist. Danach kommt – zum Beispiel nach einer Midlife-Crisis – eine verfeinerte Phase, eine Lebensperiode, in der „Intellekt, Status und emotionale Reife“ wichtiger werden. Im höheren Alter wird man dann wieder etwas weniger anspruchsvoll und scheint sich eher einfacherer Kost zuzuwenden.¹
Der Geschmack verändert sich also im Laufe des Lebens, aber es gibt auch Wissenschaftler die betonen, dass er ebenso von der Persönlichkeit abhängt und daher relativ stabil sein kann.
Was man von zu Hause mitkriegt
Bei uns zu Hause wurde früher am Sonntagnachmittag über den Drahtfunk (das Amsterdamer Kabelradio) oft die Radiosendung Opera en Belcanto des belgischen Rundfunks gehört. Unter der Woche gab es (und gibt es noch immer) das Arbeidsvitaminen heisst (bei uns also zur Unterstützung der Hausarbeit). Eine große Vielfalt an Musik also.
Von den klassischen Sendungen ist mir kaum etwas in Erinnerung geblieben, wohl aber von der leichteren Musik, etwa von Paul Anka, Neil Sedaka, Roy Orbison, Ricky Nelson und Chubby Checker. Und ich bemühe mich seit Jahren, Love Letters in the Sand von Pat Boone genauso schön zu singen wie er – bisher allerdings ohne Erfolg.
Als ich ein kleines Kristallradio hatte, empfing ich darauf nur einen niederländischen Sender richtig gut, und ich hörte samstagabends im Bett den Beginn von einen religiösen Program, in dem immer Mozarts Ave Verum gespielt wurde. Das fand ich wunderschön – und finde es bis heute.
Die erste Welle: Pop
Als ich 15 Jahre alt war kaufte ich mir von meinem Ferienjob das erste richtige Radio. Sonntagsabends hörte ich immer Radio Luxemburg, wo um 23 Uhr die englischen Top 20 liefen. Und dann begann die nächste Phase der leichten Musik. Mit From Me to You und Please Please Me hielten die Beatles Einzug in meinem Leben. Was für eine Frische, Heiterkeit und Energie! Und mit all den folgenden Hits blieb da so. Ich höre sie noch heute oft – auch weil meine jüngste Tochter inzwischen nach und nach alle Beatles-Alben auf Spotify abspielt. Damals habe ich sie alle gekauft, ließ mir die Haare wachsen und besaß sogar eine kragenlose Beatles-Jacke. Es hatte, bei mir, nichts mit Rebellion gegen eine ältere Generation zu tun – es war pure Lebensfreude.
In diesen Jahren kaufte ich hin und wieder auch eine klassische Schallplatte: in meiner Pubertät frühe Sinfonien von Mozart, ein Violinkonzert von Brahms und Beethovens Pastorale. Außerdem erwarb ich eine LP des Jazzpianisten Errol Garner. Dennoch hörte ich vor allem Popmusik, unter anderem David Bowie und Elton John. Und das blieb eigentlich lange der Schwerpunkt – bis ich ein weiteres Musikgenre entdeckte. War es das Bedürfnis nach oben genannter Verfeinerung?
Die zweite Welle: Minimal Music
Es war Anfang der 1990er Jahre. Ich sah einen Film, der nur aus Bild und Musik bestand – mit abwechselnd schnellen und langsamen Aufnahmen von Natur und Städten sowie entsprechender Musik. Der Film beschreibt die Beziehung des Menschen zur Natur, und der Titel Koyaanisqatsi bedeutet in einer indianischen Sprache „Leben aus dem Gleichgewicht“. Der Komponist der Filmmusik war Philip Glass. Es ist ein faszinierender, beklemmender Film – mit ebenso eindringlicher Musik, die aus einer Abfolge vielfach wiederholter einfacher musikalischer Phrasen besteht. Hier der Trailer von dem Film.
Meine Wertschätzung dieser Musik bwurde noch grösser durch den Film (The) Hours aus dem Jahr 2012 mit Meryl Streep, Nicole Kidman und Julianne Moore – gewiss keine leichte Kost, aber einer der schönsten Filme, die ich je gesehen habe. Nachdem wir (meine Partnerin und ich) den Film im Fernsehen gesehen hatten, kauften wir sofort die DVD. Auch in (The) Hours stammt die Musik von Philip Glass. Ich entdeckte, dass es auch eine Klavierversion der Kompositionen gibt, und seitdem spiele ich sie sehr häufig. Hier die ersten Minuten von (The) Hours:
Die dritte Welle: Symphonic Metal
Oder besser gesagt: Nightwish. Nachdem ich Floor Jansen und Henk Poort gehört hatte, suchte ich im Internet nach der Band, in der Floor Jansen seit 2012 als Frontfrau auftritt. Seit ich Nightwish vor etwa fünf Jahren entdeckt habe – auch durch Live-Auftritte auf YouTube –, bin ich gewissermaßen süchtig danach geworden. Nightwish ist eine finnische Band, die oft eine Kombination aus kraftvollem Rock und wunderschönen melodischen Linien bietet, gesungen durch Floor Jansen. Sie singt im Opernstil, als Rock-Sängerin oder als Popsängerin, greift gelegentlich sogar zum Growling und wechselt mühelos zwischen Kopf- und Bruststimme.
Ich bin bisher noch nicht dazu gekommen, andere Symphonic-Metal-Bands als Nightwish zu hören. Und ich habe mich immer noch nicht ganz von der Verwunderung erholt, dass ich ein Genre, das ich früher nie gehört habe, so intensiv genießen und emotional erleben kann. Offenbar bin ich damit nicht allein, wenn man die Reaktionen unter dem Video Ghost Love Score auf YouTube liest:
- „Ich habe Nightwish gerade erst entdeckt. Ich bin über 70 und habe eure Musik noch nie gehört. Ich bin erschüttert, dass ich sie all die Jahre verpasst habe. Wunderschön.“
- „Ein einziges Video, ein einziger Song hat meine Vorstellung davon, welches Musikgenre ich bevorzuge, völlig verändert.“
- „Hier bin ich … 79 Jahre alt und habe das erst vor zwei Tagen entdeckt. Jetzt kann ich sterben, nachdem ich die beste Musik der Welt gehört habe.“
Und dann stellt sich natürlich die Frage, ob dies nun die verfeinerte Phase ist oder ob ich mich bereits in der weniger anspruchsvollen Phase befinde. Darüber bin ich mir noch nicht im Klaren.
Hier drei Video’s von Nightwish. Das erste ist ein ruhiges Lied, das zweite empfehle ich nicht vor dem Ein schlafen und das dritte höre ic ham meisten: Ghost Love Score.
PS.
Ach ja, ich singe übrigens im Koninklijk Haarlems Mannenkoor, mit wunderbarer Männerchormusik, die mir im gemeinsamen Gesang oft eine Gänsehaut beschert. Im vergangenen Jahr gaben wir ein Konzert mit Wiener Klängen. Ich habe mich sehr darauf gefreut – besonders, seit ich auf YouTube einen Wiener Männerchor An der schönen blauen Donau singen hörte. Ich würde sagen: Ob es nun Jugenderinnerung, Verfeinerung oder verminderte Ansprüche war – es war in jedem Fall ein wunderschönes Konzert für Jung und Alt.
¹ Music through the Ages: Trends in Musical Engagement and Preferences from Adolescence through Middle Adulthood. Cambridge 2013.
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